Hochstaudenflur, UNESCO-Welterbe Zollverein, 03.09.2025
  1. Home
  2. >
  3. Industrienatur
  4. >
  5. Sukzessionsstadien

Sukzessionsstadien

In der Natur ist alles ständig im Wandel. Entstehen durch den Menschen oder natürliche Ereignisse offene Flächen, erobern verschiedene Pflanzen sie in der Regel schnell und der anfangs niedrige Bewuchs wird zusehends höher. Dieser Prozess wird natürliche Verbuschung genannt. In der Fachsprache wird diese Abfolge der Stadien der Vegetationsentwicklung als Sukzession bezeichnet. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „succedere“ ab und bedeutet „nachrücken“.

Wie dieser natürliche Prozess abläuft, zeigt sich im Ruhrgebiet eindrucksvoll an den Standorten der Industrienatur. Wo der Mensch die ursprünglich vorhandene Natur zerstört hat, indem er beispielsweise riesige Werksgelände und Halden geschaffen hat, blüht längst wieder das Leben. Je nach Standort und Beginn der Verbuschung ist diese unterschiedlich weit fortgeschritten. Denn diese Rückeroberung der Flächen durch für den jeweiligen Standort typische Pflanzen läuft in Phasen ab, die fließend ineinander übergehen. Damit hängt unmittelbar zusammen, welche Tiere und Pilze sich während der einzelnen Phasen ansiedeln.

Vom kahlen Boden zu Bäumen

Am Anfang der Sukzession steht der Rohboden. Im Ruhrgebiet ist dies auf den Bergehalden noch kaum verwittertes Bergematerial. Auf Industriebrachen ist die Situation häufig anders. Dort sind es vom Menschen stark beeinflusste Böden, die – zum Beispiel nach Abrissarbeiten alter Industriegebäude – übrig bleiben. Sie bilden die Basis für die Sukzession.

Zunächst treten kleine, unscheinbare Pionierarten wie Moose und krautige Pflanzen mit sehr niedriger Wuchshöhe auf. Es sind Arten, die den teils schwierigen Umweltbedingungen trotzen können. Darauf folgen weitere, etwas größere, überwiegend krautige Pflanzen. Später kommen Hochstauden sowie andere höhere Pflanzen hinzu, dann erste Sträucher und schließlich Bäume, bis der Bereich schließlich bewaldet ist – sofern die Verbuschung ungestört ablaufen kann.

Abfolge der Sukzessionsstadien

Wie lange die einzelnen Sukzessionsphasen dauern, wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, darunter das lokale Klima. Das Ruhrgebiet steht unter atlantischem Einfluss. Es ist geprägt durch milde Winter, relativ viel Regen und häufige Bewölkung. Ein weiterer Faktor, der die Dauer der einzelnen Verbuschungsphasen beeinflusst, ist der Boden. Auf Industriebrachen wurde er stark vom Menschen verändert (verdichtet, mit Schadstoffen belastet usw.). Im Fall der Halden besteht er aus Bergematerial, Hochofenschlacke, Bauschutt und Ähnlichem (technogenes Substrat). Wie schnell Pflanzen einen neu eroberten Standort besiedeln können, hängt zudem von der Entfernung zu Materialquellen ab. Wachsen im näheren Umfeld der Fläche bereits Exemplare der einzelnen Pflanzenarten, können diese sich meist recht schnell entweder durch Samen oder durch Wurzelausläufer ausbreiten.

Im Ruhrgebiet treten erste Pionierpflanzen auf gestörten Flächen oft schon nach einigen Jahren auf. Bis sich in diesen Bereichen ein Wald entwickelt, dauert es an Industrienatur-Standorten etwa 40 bis 60 Jahre.

Rohbodenphase

Direkt nach dem Ende der Aufschüttung gab es vor allem auf den Bergehalden des Ruhrgebiets viele Bereiche mit Rohboden. Abgesehen davon, dass es dort anfangs keine Pflanzen gibt, kommen dort auch nur wenige größere Tiere vor. Gelegentlich halten sich eventuell Vögel oder Säugetiere, darunter Mäuse, vorübergehend auf solchen Flächen auf. Wirbellose wie Insekten und Spinnentiere sind hingegen oft schon vorhanden. Auf Bergehalden finden sie zwischen den lockeren Steinen kleine Hohlräume, in denen sie sich verstecken können.

Weil viele Pilzarten in einer direkten Beziehung zu bestimmten Pflanzen stehen, treten sie nur gemeinsam mit ihnen auf. Die Flechten nehmen hier eine Sonderstellung ein. Sie bringen ihre Pflanzenpartner, die Algen, gleich mit. Rohböden werden oft recht schnell von ersten Flechten besiedelt.

Wo lässt sie sich beobachten?

Da seit dem Ende der Aufschüttung der meisten Halden bereits relativ viel Zeit vergangen ist, sind die Bodenentwicklung und die damit einhergehende natürliche Verbuschung bereits mehr oder weniger weit fortgeschritten. Hinzu kommt, dass manche Halden renaturiert wurden. Das heißt, es wurde fruchtbarer Boden aufgetragen, der den aus Bergematerial bestehenden Rohboden überdeckt. An einigen Stellen wird versucht, den noch vorhandene Rohboden durch Pflegemaßnahmen in seinem „nackten“ Zustand zu erhalten. Sich ansiedelnde Pflanzen werden regelmäßig entfernt.

Auf folgenden Halden gibt es größere Bereiche mit Rohböden:

⇒ Halde Gotthelf in Dortmund
⇒ Halde Lothringen in Bochum
⇒ Halde Rheinelbe (Südhalde) in Gelsenkirchen
⇒ Halde Rungenberg in Gelsenkirchen
⇒ Mottbruchhalde in Gladbeck
⇒ Schurenbachhalde in Essen

Pionierphase

Auf mehreren Halden und Industriebrachen im Ruhrgebiet finden sich Bereiche, in denen der Boden mit niedrigen, lichtliebenden Pionierpflanzen bewachsen ist. Zu ihnen gesellen sich außerdem verschiedene Moose. Recht bald treten zudem überwiegend krautige, kurzlebige Pflanzen auf. Dazu gehören der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare) sowie Neophyten wie das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens) und der Schmalblättrige Klebalant (Dittrichia graveolens). Letzterer kommt im Ruhrgebiet hauptsächlich auf Bergematerial vor, da er dort seine bevorzugten Wuchsbedingungen vorfindet: Er mag es trocken und warm.

Mit der Ausbreitung der ersten Pflanzen treten vor allem Insektenarten offener Landschaften in Erscheinung, von denen viele wärmeliebend sind. Es finden sich Vögel und Säugetiere ein, die sich von den Insekten und den Pionierpflanzen ernähren. Darüber hinaus treten erste Flechten und Pilze auf. Letztere stehen zumeist mit den bereits vorkommenden Pflanzen in Verbindung. Einige von ihnen leben als Parasiten an den Pionierpflanzen. Wegen ihrer speziellen Lebensweise werden sie Phytoparasiten genannt. Ein Beispiel hierfür ist der Kiefernnadel-Greiskraut-Rost (Coleosporium senecionis), der unter anderem das Schmalblättrige Greiskraut parasitiert.

Wo lässt sie sich beobachten?

Werden die sich im Pionierstadium befindenden Flächen nicht durch Pflegemaßnahmen offen gehalten, setzt sich die natürliche Sukzession an diesen Standorten relativ schnell fort und es siedeln sich höhere Pflanzen an. Da Industriebrachen und Halden jedoch seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr industriell genutzt werden, bestehen Pionierfluren heute nur, weil sie regelmäßig von höherer Vegetation befreit werden oder weil es in jüngster Zeit größere Eingriffe durch Umgestaltungsmaßnahmen gab. Flächen mit Pioniervegetation und den damit verbundenen Tieren, Pilzen und Flechten lassen sich beispielsweise an den folgenden Industrienatur-Standorten beobachten:

⇒ Halde Hoheward in Herten/Recklinghausen
⇒ Halde Lothringen in Bochum
⇒ Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen
⇒ Mottbruchhalde in Gladbeck
⇒ Schurenbachhalde in Essen
⇒ UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen

Hochstaudenphase

Nachdem erste Pionierpflanzen einen Bereich besiedelt haben, gesellen sich nach und nach ausdauernde, meist höhere Pflanzen hinzu. An den Industrienatur-Standorten des Ruhrgebiets gibt es eine ganze Reihe typischer Arten aus dieser Sukzessionsphase zu beobachten. Dazu gehören die Spätblühende Goldrute (Solidago gigantea), auch Riesen-Goldrute genannt, Nachtkerzen (Oenothera spp.) und Königskerzen (Verbascum spp.). Wo es feucht genug ist, wächst der Gewöhnliche Wasserdost (Eupatorium cannabinum). Ebenfalls weit verbreitet auf Hochstaudenfluren ist das Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos).

Auf Flächen, die sich in der Hochstaudenphase befinden, leben teils andere Tierarten als in Bereichen mit niedriger Pioniervegetation. Die Hochstauden sowie die weiteren Pflanzen ziehen zahlreiche Insekten an, die wiederum die Nahrungsgrundlage etlicher Vogelarten bilden. Dazu gehören unter anderem Singvögel, die die Insekten und ihre Larven für sich selbst und ihre Jungen fangen. Über Hochstaudenfluren kreisen mitunter Turmfalken (Falco tinnunculus). Sie halten dabei nicht nur nach Mäusen, sondern auch nach größeren Heuschrecken wie dem Grünen Heupferd (Tettigonia viridissima) Ausschau. Andere Vögel wie der Stieglitz (Carduelis carduelis) wiederum profitieren von den Samen verschiedener Pflanzenarten der Hochstaudenphase.

Auch die Pilzvielfalt nimmt zu, da viele Pflanzenarten dieser Sukzessionsphase in enger Beziehung zu bestimmten Pilzen stehen. Auf Hochstaudenfluren lassen sich sowohl parasitäre Pilze an Pflanzen als auch einige Arten beobachten, die abgestorbene Pflanzenteile zersetzen.

Wo lässt sie sich beobachten?

Bereiche mit Hochstauden kommen im Ruhrgebiet an vielen Industrienatur-Standorten vor. Einige Beispiele sind:

⇒ Gleispark Frintrop in Essen
⇒ Halde 22 in Gladbeck
⇒ Halde Haniel in Bottrop
⇒ Halde Hoheward in Herten/Recklinghausen
⇒ Halde Rungenberg in Gelsenkirchen
⇒ Landschaftspark Duisburg-Nord
⇒ Mottbruchhalde in Gladbeck
⇒ UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen

Verbuschungsphase

Sobald sich die ersten Sträucher und Gehölze ansiedeln, beginnt die Verbuschungsphase. Typische Arten dieses Sukzessionsstadiums an den Industrienatur-Standorten des Ruhrgebiets sind beispielsweise Brombeeren (Rubus spp.), darunter vor allem die Armenische Brombeere (Rubus armeniacus), Weißdorne (Crataegus spp.) und Sommerflieder (Buddleja davidii) sowie die Hänge-Birke (Betula pendula) und die Sal-Weide (Salix caprea).

Diese Pflanzen sind für Vögel attraktiv, da sie in den Zweigen Nist- und Versteckmöglichkeiten finden. Brombeergebüsche bieten beispielsweise verschiedenen Vögeln wie der Dorngrasmücke (Sylvia communis) sowie Kleinsäugern Lebensraum und Schutz. Sal-Weiden und Hänge-Birken bilden die Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Insekten. Hinzu kommen weitere Pilzarten, die mit den Pflanzenarten der Verbuschungsphase in einer engen Beziehung stehen.

Wo lässt sie sich beobachten?

Flächen, auf denen sich die Sukzession im Verbuschungsstadium befindet, gibt es im Ruhrgebiet an vielen Industrienatur-Standorten. Allerdings werden sie in etlichen Fällen durch Pflegemaßnahmen mehr oder minder regelmäßig von zu starkem Bewuchs befreit.

⇒ Gleispark Frintrop in Essen
⇒ Halde 22 in Gladbeck
⇒ Halde Haniel in Bottrop
⇒ Halde Hoheward in Herten/Recklinghausen
⇒ Halde Rungenberg in Gelsenkirchen
⇒ Landschaftspark Duisburg-Nord
⇒ Mottbruchhalde in Gladbeck
⇒ UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen

Vorwald und Wald

Gehölze setzen sich immer mehr durch. Neben der Hänge-Birke (Betula pendula) und der Sal-Weide (Salix caprea) aus der Verbuschungsphase gesellen sich weitere Arten wie beispielsweise Pappeln (Populus spp.) und die Gewöhnliche Robinie (Robinia pseudoacacia) hinzu. Die mehrere Meter hohen Gehölze bilden zunächst einen Vorwald, der nach einiger Zeit in einen Wald übergeht. In diesem finden sich dann auch Arten wie Ahorne (Acer spp.) und Stieleichen (Quercus robur).

Haben sich die höheren Bäume durchgesetzt, sind die Offenlandarten entweder komplett verschwunden oder kommen allenfalls noch auf Lichtungen oder am Waldrand vor. Weil die Bäume viel Schatten spenden, können darunter keine lichthungrigen Arten gedeihen. Vielmehr breiten sich dort Waldarten wie der Gewöhnliche Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) aus. Außerdem kommen Spezies vor, die nicht unbedingt auf Wälder als Lebensraum spezialisiert sind, aber mit den dort herrschenden Bedingungen gut zurechtkommen. Ein Beispiel hierfür ist die Knotige Braunwurz (Scrophularia nodosa).

Bäume bieten etlichen Vögeln und anderen Waldarten Lebensraum, Nahrung und Nistplätze. Unter den Insekten gibt es ebenfalls viele Arten, die an ein Leben im Wald angepasst sind oder sich sogar darauf spezialisiert haben. Gibt es in den Vorwäldern und Wäldern geschwächte Bäume und Totholz, nutzen dies viele Pilzarten für sich.

Wo lässt er sich beobachten?

Wälder und Vorwälder gibt es an mehreren Standorten der Industrienatur im Ruhrgebiet. Dabei handelt es sich um Bereiche, in denen die Natur sich die Flächen bereits seit vielen Jahren zurückerobert hat. Beispiele sind:

⇒ Halde Pörtingsiepen in Essen
⇒ Halde Rheinbaben in Gladbeck
⇒ Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen
⇒ Halde Zollern in Dortmund
⇒ UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen

Logo Industrienatur im Ruhrgebiet klein
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet ausschließlich technisch notwendige Basis-Cookies, um Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung zu bieten. Es kommen darüber hinaus keine weiteren Cookies oder Dienste zum Einsatz. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen, wenn Sie auf diese Website zurückkehren. So können wir nachvollziehen, welche Abschnitte der Website für Sie am interessantesten und nützlichsten sind. Mehr Informationen zum Datenschutz finden Sie in der Datenschutzerklärung.