Industriewald auf der Halde Rheinelbe (Nordhalde), 08.11.2023

Industriewälder

Eine besondere Form der „neuen Wildnis“ ist der Industriewald im Ruhrgebiet. Viele dieser Wälder sind bereits mehrere Jahrzehnte alt und befinden sich in der Zerfallsphase. Ihre Entwicklung zeigt, wie erstaunlich sich die Natur in einer vom Menschen stark veränderten Region wieder durchsetzen kann. Wie sie weitergeht, wird in der Fachwelt mit Spannung erwartet.

Entstehung und Standorte

Gebildet hat sich dieser spezielle Wald unter anderem auf ehemaligen Zechengeländen, auf alten Bahntrassen und auf Bergehalden. Er findet sich also an Standorten, an denen für Pflanzen herausfordernde Bedingungen herrschen. Nachdem die Schwerindustrie verschwunden war und die Halden nicht mehr aufgeschüttet wurden, eroberte sich die Natur diese Standorte zurück. Meist geschah dies von selbst, an einigen Stellen half der Mensch durch Begrünungsmaßnahmen ein wenig nach. Mit fortschreitender Verbuschung (Sukzession) entstand schließlich der Industriewald. Stellenweise bildet er sich noch heute neu und bestehende Industriewälder entwickeln sich weiter.

Einige Beispiele für diese spannenden Lebensräume im Ruhrgebiet sind:

⇒ Industriewald Rheinelbe an und auf der Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen
⇒ Industriewald auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein in Essen
⇒ Industriewald im Gleispark Frintrop in Essen
⇒ Industriewald der Halde Pörtingsiepen in Essen
⇒ Industriewald der Halde Zollern in Dortmund

Typische Merkmale

Der Industriewald unterliegt wie alles in der Natur einem ständigen Wandel. Zwar stellt er das letzte Sukzessionsstadium dar, doch durchläuft er in seiner Entwicklung selbst mehrere Phasen. Dieser Prozess führt zu einem Wechsel der vorherrschenden Baumarten und zur Entstehung komplexerer, strukturreicherer Waldgesellschaften.

In den frühen Stadien der Waldentwicklung dominieren lichte Bestände aus Pionierbaumarten. Sie sind heute im Ruhrgebiet an vielen Standorten der Industrienatur zu beobachten. Häufig ist die Hänge-Birke (Betula pendula) die vorherrschende Baumart. Später kommen weitere Arten wie der Bergahorn (Acer pseudoplatanus) und die aus Nordamerika stammende Gewöhnliche Robinie (Robinia pseudoacacia) hinzu. Letztere wurde vielerorts vom Menschen angepflanzt, konnte sich aber auch von selbst ausbreiten.

Zudem sind Industriewälder nicht überall gleich dicht bewachsen. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Umgebungsbedingungen gibt es dicht bewachsene und eher offene Bereiche. Letztere befinden sich beispielsweise an steilen Haldenhängen. Oft liegen diese verschieden stark bewachsenen Abschnitte nahe beieinander. Weitere kleinteilige Lebensräume in den Industriewäldern sind temporäre Gewässer, Rohbodenbereiche und abgestorbene Bäume.

Stehendes und liegendes Totholz findet sich vor allem in älteren Wäldern. In sehr jungen Industriewäldern, wie sie im Ruhrgebiet noch mancherorts zu finden sind, sind hingegen nur wenige Bäume abgestorben. Da dort jedoch immer wieder Äste und Zweige abbrechen und auf den Boden fallen, fehlt das Totholz nicht ganz.

Arten in Industriewäldern

Viele Industriewälder im Ruhrgebiet überraschen mit einer reichen Artenvielfalt. Die unterschiedlichen Standortbedingungen und die Verzahnung verschiedener Kleinlebensräume bieten beste Bedingungen für eine Vielzahl von Pflanzen, Tieren und Pilzen. Dort, wo bereits abgestorbenes Holz vorhanden ist, ist die Zahl der vorkommenden Pilzarten größer als in sehr jungen Industriewäldern ohne oder mit nur wenig Totholz.

Neben den zuvor genannten Baumarten gibt es in vielen Industriewäldern weitere Pflanzen, darunter Armenische Brombeere (Rubus armeniacus), Knotige Braunwurz (Scrophularia nodosa), Gewöhnlicher Wurmfarn (Dryopteris filix-mas agg.), Gefleckter Aronstab (Arum maculatum agg.) und Gewöhnliche Nelkenwurz (Geum urbanum).

Typische Pilze der Industriewälder sind unter anderem der Birkenporling (Fomitopsis betulina), der Zunderschwamm (Fomes fomentarius), der Goldgelbe Zitterling (Tremella mesenterica), der Fliegenpilz (Amanita muscaria) und die Geweihförmige Holzkeule (Xylaria hypoxylon). An den Bäumen und stellenweise auch auf dem Boden wachsen Flechten wie die weit verbreitete Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina) und Rentierflechten (Cladonia sp.).

Aus dem Reich der Tiere sind in den Industriewäldern zahlreiche Vertreter zu finden, angefangen bei Vögeln wie Blaumeise (Cyanistes caeruleus) und Kohlmeise (Parus major), Buntspecht (Dendrocopos major) sowie Singdrossel (Turdus philomelos). An ruhigen, nur wenig von Menschen besuchten Stellen kann die scheue Waldschnepfe (Scolopax rusticola) gelegentlich auftreten. Sie wurde zum Beispiel im Zollverein-Park schon beobachtet.

Kleinsäuger wie Mäuse und Eurasische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris), Amphibien wie die Erdkröte (Bufo bufo) sowie unzählige Arten wirbelloser Tiere leben ebenfalls in den Industriewäldern. Von Asseln über Schnecken bis hin zu einer Fülle an Insekten ist dort alles anzutreffen.

Ökologische Bedeutung

Industriewälder können wichtige Refugien für Rote-Liste-Arten sein, die in der intensiv genutzten Landschaft kaum noch geeignete Lebensräume finden. Unter den Arten der Industriewälder gibt es daher eine Reihe von Spezialisten, die an die besonderen Bedingungen angepasst oder auf die charakteristischen Pflanzenarten dieser Sonderstandorte angewiesen sind. Etliche der Waldarten sind jedoch Generalisten, also Arten, die nur eine geringe Spezialisierung auf bestimmte Lebensräume aufweisen. Aufgrund der starken Bebauung des Ruhrgebietes sind die Generalisten aber ebenso auf die Industriewälder angewiesen wie die Spezialisten.

Zur Erforschung der besonderen Wälder an Industrienatur-Standorten wurde das Projekt Industriewald Ruhrgebiet ins Leben gerufen. Gleichzeitig werden die Möglichkeiten des Naturerlebens berücksichtigt, denn im Ruhrgebiet sind die Industriewaldstandorte wichtige Erholungs- und Lernorte für die Bevölkerung des Ballungsraumes.

Gefährdung und Schutz

Für die Industriewälder stellen die Wetterextreme, wie sie in jüngster Zeit zunehmend häufiger auftreten, eine hohe Belastung dar. Trockenheit kann ihnen ebenso wie „natürlichen“ Wäldern erheblichen Schaden zufügen. Starke Stürme entwurzeln oder brechen immer wieder Bäume.

Mancherorts werden Flächen, die lange Zeit sich selbst überlassen waren und auf denen sich Industriewald gebildet hat, für Bebauungsprojekte vorgesehen. Dadurch droht die Vernichtung der Waldflächen.

Menschen, die sich in ihrer Freizeit in Industriewäldern aufhalten, können diese auf unterschiedliche Weise schädigen. Das beginnt mit dem Hinterlassen von Müll und endet mit dem Anlegen wilder Grillplätze und Feuerstellen, die vor allem in trockenen Sommern die Gefahr von Waldbränden erhöhen. Meines Wissens ist es bisher noch nicht dazu gekommen, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der erste Waldbrand in einem der Industriewälder des Ruhrgebietes ausbricht.

Zum Schutz dieser besonderen Wälder und der darin lebenden Arten kann eine Sensibilisierung der Bevölkerung für die hohe Bedeutung dieser Lebensräume beitragen. Außerdem gilt eine Lenkung der Besuchenden auf ausgewiesenen Wegen als sinnvoll.

⇒ Industriewaldprojekt – Bund Deutscher Forstleute (BDF)
⇒ Der Zechenförster – Industriewaldprojekt auf Zollverein
⇒ Industriewald – Regionalkunde Ruhrgebiet
⇒ Urbane Wälder – Räume biologischer Vielfalt und sozialer Begegnung
⇒ Faltblatt Industriewald Ruhrgebiet – Wald und Holz NRW
⇒ Industriewald Ruhrgebiet – Regionalverband Ruhr
⇒ Urbane Wälder im Ruhrgebiet – Klassifikation, Merkmale und Regulationsleitungen aus dem Jahrbuch 2020 des Bochumer Botanischen Vereins

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