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Gebäude und Mauern
Ein oft unbeachteter, aber ökologisch wichtiger Kleinlebensraumtyp in der Industrienatur des Ruhrgebiets sind vertikale Strukturen wie Gebäude, Gebäudereste und Mauern. Je nach Beschaffenheit und Himmelsrichtung, in die sie ausgerichtet sind, weisen sie ein unterschiedliches Mikroklima auf. Diese menschengemachten (anthropogenen) Strukturen können eine erstaunliche Vielfalt an Organismen beherbergen.
Inhalt dieser Seite
Standorte
Manche Gebäude oder deren Überreste blieben nach der Stilllegung von Fabriken und Zechen auf den ehemaligen Industriegeländen erhalten. Dort finden sich ebenfalls Begrenzungsmauern. Auch an einigen nicht mehr genutzten Bahntrassen stehen noch Gebäude oder sind deren Reste zu finden.
Einige Beispiele für diese Relikte der früheren Montanindustrie im Ruhrgebiet sind:
⇒ Henrichshütte in Hattingen
⇒ Kokerei Hansa in Dortmund
⇒ Landschaftspark Duisburg-Nord
⇒ Westpark in Bochum
⇒ Zeche Nachtigall in Witten
⇒ Zeche und Kokerei Zollverein in Essen

Typische Merkmale
Ziegel, Beton, Metall, Holz und Glas weisen verschiedene Oberflächenstrukturen und Wärmespeicherkapazitäten auf. Auch das Wasserspeichervermögen dieser Materialien ist unterschiedlich. Feine Risse, Spalten, Löcher und Vorsprünge sind winzige Lebensräume für Kleinstlebewesen oder bieten Pflanzen die Möglichkeit, sich zu verankern.
Die Wärme- und Feuchteverhältnisse in einer vertikalen menschengemachten Struktur hängen zudem von der Himmelsrichtung ab. Nach Norden ausgerichtete Gebäudewände oder Mauern sind eher feucht und kühl, nach Süden und Südwesten ausgerichtete unbeschattete sind am wärmsten und trockensten.



Arten an Gebäuden, Mauern und Co.
Mauern und Gebäude beherbergen oftmals typische Vertreter der Mauerfugenvegetation. Diese Pflanzen besiedelten ursprünglich natürliche Felsstandorte. Die vom Menschen geschaffenen senkrechten Strukturen stellen für Moose, Farne und kleine Blütenpflanzen einen geeigneten Ersatzlebensraum dar. Sogar kleine Gehölze wie der Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) können dort wachsen. Typische Kleinpflanzen sind die Mauerraute (Asplenium ruta-muraria) und Sedum-Arten (Fetthenne oder Mauerpfeffer). Der Gewöhnliche Wurmfarn (Dryopteris filix-mas), aber auch andere Farnarten kommen an eher schattigen Mauern vor. Weit verbreitet sind das Polster-Kissenmoos (Grimmia pulvinata) und das Mauer-Drehzahnmoos (Tortula muralis). Häufige Flechtenarten sind beispielsweise die Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina) und die Mauer-Kuchenflechte (Protoparmeliopsis muralis).
Hohlräume und Nischen werden von etlichen Vogelarten als Brutplätze genutzt. Beispiele sind der Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros) und die Hohltaube (Columba oenas). Höhere Gebäude wie Schornsteine und Ähnliches sind für manche Vogelarten besonders attraktiv, darunter der Wanderfalke (Falco peregrinus). Für diese Greifvögel wurden auf mehrere Industriebrachen des Ruhrgebiets Nisthilfen in großer Höhe angebracht.
Fledermäuse verbringen den Tag in Spalten und Hohlräumen alter Gebäude. Knapp über dem Boden finden Amphibien und Reptilien, darunter die Mauereidechse (Podarcis muralis), Unterschlupf in Rissen und kleinen Hohlräumen.
Eine ganze Reihe von Insektenarten nutzt Spalten und Löcher als Lebensraum. Einige Wildbienen bauen darin ihre Nester, während nachtaktive Käfer sie als Tagesverstecke nutzen. Auch die Raupen von Schmetterlingsarten, die sich von Flechten an Mauern und Wänden ernähren, gehören zu den dort lebenden Insekten. An sonnigen, aber kühlen Tagen im Frühling und Herbst ruhen manche Schmetterlinge gerne auf sonnenexponierten Mauern, um sich von der Sonne wärmen zu lassen.
Des Weiteren sind wirbellose Tiere wie Asseln, Schnurfüßer und Schnecken auf und in Mauern sowie an bestimmten Gebäudewänden zu Hause. Eine Besonderheit sind die schwarzen Leiobunum-Weberknechte, die an schattigen, eher feuchten Mauern leben. Diese nachtaktiven Spinnentiere ruhen sich tagsüber gerne in Gruppen aus. Sie sind höchstwahrscheinlich durch den Menschen aus einem anderen Erdteil nach Europa gelangt. Woher sie genau stammen, ist bisher nicht bekannt.












Ökologische Bedeutung
Gebäude und Mauern erhöhen die Strukturvielfalt auf Industriebrachen und ergänzen somit andere größere und kleinere Lebensräume wie zum Beispiel Rohbodenflächen, ungenutzte Gleisanlagen und Temporärgewässer. Für viele Arten stellen die senkrechten künstlichen Strukturen Ersatzlebensräume dar, die sie in der Natur kaum noch finden. Ein Grund für die relativ hohe Artenvielfalt an Mauern und Gebäuden sind die unterschiedlichen Mikroklimata auf engstem Raum.

Gefährdung und Schutz
Verfall, Abriss und Sanierung stellen Gefahren für vertikale Strukturen dar. Bei der Erhaltung alter Gebäude und Mauern, insbesondere bei notwendigen Sanierungen, sollte ihr ökologischer Wert berücksichtigt werden, um sie als Lebensräume auf Industriebrachen zu bewahren.

Link
⇒ Präsentation „Ruderale Mikrohabitate in Einzeldarstellungen 6 – Mauerkronen“ von Dietmar Brandes