Schacht XII der Zeche Zollverein, 19.07.2025

UNESCO-Welterbe Zollverein

Einst ein Zentrum der Kohleförderung und Koksproduktion, ist das Areal der Zeche und Kokerei Zollverein heute ein international bedeutendes Denkmal der Industriekultur. Die klare Architektur, die weitläufigen Freiflächen und die vielfältigen kulturellen Nutzungen machen das UNESCO-Welterbe zu einem Ort, an dem die industrielle Geschichte des Ruhrgebiets und die Industrienatur eindrucksvoll zusammenfinden.

Steckbrief

Standort: Essen-Stoppenberg
Koordinaten: 51° 29′ 11.5“ N, 7° 2′ 38.7“ O
Typ: ehemaliges Steinkohlenbergwerk und Kokerei
Fläche: rund 100 Hektar
Gebäude und Gleise: ja, zahlreiche Anlagen, Gleistrassen und Infrastrukturelemente sind erhalten oder rekonstruiert
Zugänglichkeit: große Teile des Außengeländes frei und kostenlos zugänglich; Museen und Gebäude mit geregelten Öffnungszeiten, teils ist Eintritt zu bezahlen
Eigentümer: Stiftung Zollverein, Stadt Essen, Land NRW (je nach Bereich und Gebäude)

Entstehung und Entwicklung

Der Industriekomplex Zollverein zählt zu den prägendsten Orten der Geschichte des Ruhrgebiets. Er besteht aus der ehemaligen Zeche und der gleichnamigen Kokerei Zollverein. Von 1851 bis zum 23. Dezember 1986 wurde die Zeche Zollverein betrieben. Zu Beginn hatte sie mehrere Fördergerüste bzw. -türme an den Schächten 1/2/8, 3/7/10, 4/5/11 und 6/9; einige davon sind heute noch erhalten.

In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde die gesamte Förderung im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen auf Schacht XII (oder Schacht 12) verlegt. Dessen 55 Meter hoher Doppelbock ist heute das bekannteste Wahrzeichen der Stadt Essen. Nach wie vor gilt die Architektur der Zeche Zollverein als Meisterwerk des vom Bauhaus geprägten Funktionalismus.

Überragend war auch die Fördermenge der „schönsten Zeche der Welt“. So wurden von 1932 an täglich 12.000 Tonnen Steinkohle gefördert, in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre wurde die Förderkapazität dann verdoppelt. Insgesamt förderte die Zeche Zollverein während ihrer Betriebsdauer knapp 220 Millionen Tonnen Steinkohle. Das nicht nutzbare Bergematerial wurde an mehreren Stellen gelagert. Ein vorübergehender Lagerplatz befand sich zwischen der Zeche und der Kokerei. Diese relativ weitläufige und flache Halde wird heute als Skulpturenpark bezeichnet. Außerdem wurde die sehr steile und nicht begehbare Halde Zollverein 1/2/8 an der heutigen Bullmannaue aufgeschüttet. Weitere Lagerungsplätze sind die Schurenbachhalde und die Halde Zollverein 4/11, die sich in Gelsenkirchen befindet.

Zwischen 1957 und 1961 wurde die Kokerei in unmittelbarer Nähe zur Zentralschachtanlage Zollverein XII errichtet. Am 12. September 1961 nahm sie den Betrieb auf. Sie verfügte damals über 192 Koksöfen mit einer Kapazität von 5 000 Tonnen Koks pro Tag. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Koks wurde die Kokerei erweitert. Im Jahr 1973 stieg die Anzahl der Koksöfen auf 304 und die Leistung erreichte 8 000 t Koks pro Tag. Die Stahlkrise in den 1990er-Jahren besiegelte das Schicksal der Kokerei Zollverein. Weil die Nachfrage nach Koks massiv einbrach, rentierte sich der Betrieb letztlich nicht mehr. Deshalb wurde die Kokerei Zollverein am 30. Juni 1993 stillgelegt.

Nach dem Ende der industriellen Nutzung begann auf dem weitläufigen Zollverein-Gelände eine außergewöhnliche Veränderung: Schritt für Schritt wurde das Areal in einen Kultur- und Freizeitraum umgewandelt – und gleichzeitig zu einem Refugium für die Industrienatur. Der heutige Zollverein Park ist über 70 Hektar groß. Er ist ein wichtiger Ankerpunkt der Route Industriekultur sowie der Route Industrienatur. Seit 2001 zählen die Kokerei sowie die Schachtanlagen 12 und 1/2/8 zum UNESCO-Welterbe.

Industrienatur am Ende des Tunnels, 07.05.2023
Industrienatur am Ende des Tunnels, 07.05.2023
Von oben herab: Weide (Salix sp.) an einem der Kammeröfen der Kokerei Zollverein, 21.08.2023
Von oben herab: Weide (Salix sp.) an einem der Kammeröfen der Kokerei Zollverein, 21.08.2023

Lebensräume

Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein tragen heute Gebäude, Mauern, Gerüste mit Rohren, riesige Becken, stillgelegte Gleisanlagen, Halden aus Bergematerial und teils künstlich angelegte Gewässer zu einer hohen Strukturvielfalt bei. Dieses Mosaik aus stark vom Menschen geprägten Lebensräumen bietet zahlreichen spezialisierten Arten der Industrienatur sowie Generalisten unter den Tieren, Pflanzen und Pilzen passende Bedingungen.

Aufgrund der bemerkenswerten Vielfalt an Klein- und Kleinstlebensräumen zählt Zollverein zu den artenreichsten Industriebrachen des Ruhrgebiets und ist für Naturinteressierte ein idealer Anlaufpunkt. Seit vielen Jahren werden Flora und Fauna auf dem Gelände intensiv untersucht, unter anderem im Rahmen des GEO-Tags der Artenvielfalt im Juni 2017: Allein während dieser Aktion konnten über 800 Arten nachgewiesen werden.

Aufgrund der schieren Größe des Zollverein-Geländes würde ein vollständiger Überblick der Lebensräume den Rahmen dieser Seite sprengen. Im Folgenden werden deshalb die wichtigsten großen Lebensräume vorgestellt, die frei zugänglich sind oder sich zumindest aus der Ferne gut einsehen lassen.

Meine Naturbeobachtungen

Meine erste naturkundliche Exkursion auf dem Gelände des heutigen UNESCO-Welterbes Zollverein unternahm ich am 3. April 2003. Leider habe ich die Beobachtungsdaten damals noch nicht dokumentiert. Bis einschließlich 2007 war ich gelegentlich dort, danach gab es eine mehrjährige Pause, da ich im Rheinland gelebt habe.

Seit 2017 besuche ich Zollverein sehr häufig und das zu allen Jahreszeiten. Am 17. und 18. Juni 2017 gehörte ich zu den Fachleuten, die das Gelände im Rahmen des GEO-Tags der Artenvielfalt kartiert haben. Ein besonderes Highlight war dabei der nächtliche Lichtfang von Faltern. Rund ein Jahr später, am 29. und 30. Juni 2019, ergab sich für mich noch einmal die Gelegenheit, an einem solchen Lichtfang teilzunehmen. Dadurch konnte ich im Zollverein-Park bisher fast 200 Schmetterlingsarten beobachten. Darüber hinaus bin ich sehr vielen weiteren Spezies begegnet.

Meine Naturbeobachtungsdaten dokumentiere ich seit dessen Start im Jahr 2008 auf dem Meldeportal von NABU|naturgucker. Sie sind im Gebiet UNESCO Welterbe Zollverein zu finden. Die folgende Statistik fasst meine Sichtungen zusammen.

Anzahl der Taxa1 pro Artengruppe

Moose: 27
Gefäßpflanzen: 406
Amphibien: 5
Reptilien: 0
Säugetiere: 8
Vögel: 55
Insekten: 869
Sonstige Tiere: 154
Pilze, Flechten und Schleimpilze: 160
Bakterien: 1
Gesamt: 1.685

Exkursionen: 84
Beobachtungsdatensätze: 13.281
Bezugszeitraum: 06.06.2007 bis 25.01.2026

1 Was sind Taxa? Das können Sie hier nachlesen.

Besonderheiten

Vom S-Bahnhof Zollverein Nord aus gibt es entlang des nur wenige hundert Meter langen Weges zum UNESCO-Welterbe Zollverein mehrere ganz besondere Wegweiser: riesengroße, knallgelbe Kanarienvögel aus Kunststoff. Was es damit auf sich hat, ist eine spannende Geschichte, der ein eigener Beitrag gewidmet ist.

Infos für den Besuch

Als UNESCO-Welterbestätte von Weltruf ist Zollverein eine häufig besuchte touristische Attraktion. Insbesondere an Tagen mit größeren Veranstaltungen auf dem Gelände kann es ziemlich voll werden. Als UNESCO-Welterbestätte von Weltruf ist Zollverein eine häufig besuchte touristische Attraktion. Insbesondere an Tagen mit größeren Veranstaltungen auf dem Gelände kann es ziemlich voll werden. Für die Naturbeobachtung findet sich auf dem rund um die Uhr geöffneten, weitläufigen Areal aber auf der Halde und auf den Gleisharfen meist trotzdem die eine oder andere ruhige Stelle, weil ein Großteil der Menschen andere Bereiche Zollvereins besichtigt. Einen guten Einstieg in die Industrienatur auf dieser Industriebrache bietet der Naturlehrpfad.

Naturbegeisterte können vom Frühling über den Sommer und Herbst bis in den Winter hinein immer etwas entdecken. Besonders vielfältig sind die Beobachtungsmöglichkeiten im Frühjahr und Sommer. So lassen sich im Juli beispielsweise die gerade flügge gewordenen Wanderfalken (Falco peregrinus) beobachten, die auf Zollverein geschlüpft sind. Die meisten Pflanzen blühen in der Zeit vom Frühjahr bis zum Herbst, manche trotzen aber sogar dem Winter. Dann lassen sich auch die zahlreichen Moos- und Flechtenarten, die auf Zollverein vorkommen, besonders leicht ausfindig machen.

In den warmen Monaten des Jahres lohnt es sich, nach Einbruch der Dämmerung nach Tieren zu suchen. Mit etwas Glück kann man im Frühling das Konzert der Kreuzkröten (Epidalea calamita) auf der Halde zwischen Schacht XII und der Kokerei hören. Rund um die Kokerei gehen nachts Fledermäuse (Chiroptera) auf die Jagd und im Schein der Lampen lassen sich manchmal Nachtfalter beobachten.

Das UNESCO-Welterbe ist perfekt erreichbar. Es gibt zahlreiche kostenlose Parkplätze und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist optimal. Exakt 100 Meter vom großen Fördergerüst auf Schacht XII entfernt befindet sich die Straßenbahnhaltestelle „Zollverein“ der Linie 107, mit der sich der Essener Hauptbahnhof in knapp 15 Minuten Fahrzeit erreichen lässt. Zur Kokerei gelangt man von dort aus entweder zu Fuß oder man steigt an der nahe gelegenen Haltestelle „Kapitelwiese“ in einen Bus der Linie 183 um. Per Fahrrad lässt sich der Zollverein-Park ebenfalls bestens erreichen und erkunden. Von der 3,5 Kilometer langen Ringpromenade aus sind viele interessante Bereiche einsehbar. Ein besonderer Service ist die abschließbare Ladestation für E-Bikes, die kostenlos genutzt werden kann, siehe Infoseite.

Auf dem Gelände gibt es an mehreren Stellen öffentliche Toiletten, die tagsüber geöffnet sind. Dasselbe gilt für die Gastronomie auf Zollverein. Das am Fuße des Fördergerüsts auf Schacht XII gelegene Restaurant hat außer an Ruhetagen sogar bis mindestens 21 Uhr geöffnet. In einem der Zechengebäude, genauer gesagt in der ehemaligen Kohlenwäsche, befindet sich das sehenswerte Ruhr Museum untergebracht. Dort gibt es auch eine Buchhandlung, die Literatur über Zollverein und das Ruhrgebiet verkauft. Erreichbar sind die Buchhandlung, der Eingang zum Museum sowie ein Café über die mit 58 Metern längste freistehende Rolltreppe Deutschlands. Sie fällt vor allem wegen ihrer knallig-orangen Farbe auf.

Wer sich (nicht nur) für die Natur auf Zollverein interessiert, sollte unbedingt an einer der regelmäßig angebotenen öffentlichen Führungen oder Rundfahrten teilnehmen. Dabei erfährt man viel über die industrielle Nutzung des Geländes und erhält einen ersten Eindruck von dem großen Areal. An bestimmten Terminen werden zudem naturkundliche Führungen auf dem Zollverein-Gelände angeboten. Über alle Veranstaltungstermine informiert der Zollverein-Terminkalender, die Daten für die Naturführungen sind an dieser Stelle zu finden.

In der Nähe (Radius 5 km)

Alle in Kilometern angegebenen Distanzen sind Luftlinien.

Essen

Nur 3,3 km ist die Schurenbachhalde entfernt. Sie ist eine der Deponien, auf denen der Abraum der Zeche Zollverein aufgeschüttet wurde. Ihre „kleine Schwester“, die Halde Eickwinkel, ist genauso weit vom Zollverein-Gelände entfernt.

Gelsenkirchen

Eine weitere Deponie der Zeche Zollverein liegt in Gelsenkirchen: die Halde Zollverein 4/11. Sie ist etwa 2,6 km vom UNESCO-Welterbe Zollverein entfernt. Bis zur Halde Rheinelbe beträgt die Entfernung circa 4,9 km. Etwas näher liegt der Nordsternpark mit seiner Zeche und kleinen Halden. Er ist knapp 4,5 km entfernt.

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