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Halde Pörtingsiepen
Sie ist ziemlich klein, weitgehend unbekannt und wurde nicht gezielt bepflanzt. Dennoch ist die Halde Pörtingsiepen grün, denn die Natur hat dort selbst die Regie übernommen. Vom Industriewald aus bietet sich an lichten Stellen, vor allem im Winterhalbjahr, ein spektakulärer Ausblick auf den Baldeneysee. Einen solchen Seeblick hat keine andere Bergehalde in der Region zu bieten.
Inhalt dieser Seite
Steckbrief
Standort: Essen-Fischlaken
Koordinaten: 51° 23′ 36.618“ N, 7° 3′ 15.566“ O
Schüttbeginn: ?
Schüttende: 1972?
Maximale Höhe relativ zur Umgebung: 8 m
Höchster Punkt absolut: 61 m ü. NN
Fläche: ca. 7,8 Hektar
Haldentyp: Rückenhalde?
Material: Bergematerial
Besonderheit: Windkraftanlage
Begehbar: ja
Eigentümer: Regionalverband Ruhr (RVR)

Entstehung
Über die Halde Pörtingsiepen sind online sowie in der Literatur nur wenige Informationen zu finden. Lediglich, dass das dort aufgeschüttete Bergematerial aus der Zeche Pörtingsiepen stammt, lässt sich leicht herausfinden. Dieses Steinkohlebergwerk wurde am 30. Dezember 1972 stillgelegt und die Gebäude Anfang der 1980er-Jahre abgerissen. Rund 500 Meter von der Halde Pörtingsiepen und dem Baldeneysee entfernt steht heute eine Seilscheibe, die an die frühere Zeche erinnert.
Auf historischen Luftbildern des Ruhrgebiets sind an der Stelle der heutigen Halde erstmals auf Aufnahmen aus dem Zeitraum zwischen 1963 und 1968 deutliche Mengen Bergematerial zu erkennen. Dagegen zeigen Bilder aus der Zeit von 1934 bis 1939 noch keine größere Erhebung. Ab dem Förderungsende der Zeche Pörtingsiepen wuchs die Halde nicht mehr weiter.
Heute ist sie circa 875 m lang und misst an der breitesten Stelle etwa 130 m. Das Bergematerial wurde so aufgeschüttet, dass es einen über nahezu die gesamte Länge der Halde reichenden, flachen „Bergrücken“ gibt. Seitlich fallen die Flanken steil ab, es gibt keine Terrassen. Demnach dürfte die Halde Pörtingsiepen dem im Ruhrgebiet seltenen Typ „Rückenhalde“ sehr nahe kommen. Entlang der Flanken erstrecken sich keine Wege, sie sind wegen des starken Gefälles nicht begehbar.
In den vergangenen Jahrzehnten hat die Natur diese Bergehalde am südwestlichen Ufer des Baldeneysees zurückerobert. Obwohl die Halde Pörtingsiepen eher klein ist und in den Listen der Industriekultur- und Industrienatur-Anlaufpunkte bislang keine Erwähnung findet, ist sie für Naturinteressierte ein lohnendes Exkursionsziel.

Lebensräume und Artbeispiele

2. Ebene Fläche mit Rohboden
3. Steilhang mit losem Bergematerial (Geröllfläche)
Basierend auf einer Landkarte © OpenStreetMap-Beitragende
1. Industriewald
Auf dem Haldenrücken befindet sich ein teils dichter, teils lichter Industriewald. Die dominierende Baumart ist die Hänge-Birke (Betula pendula), doch es gibt auch einige andere Baumarten und Sträucher, darunter Feld-Ahorn (Acer campestre), Zitterpappel (Populus tremula) und Salweide (Salix caprea).
Nicht zuletzt, weil es in diesem Bereich etwas Totholz gibt, kommen verschiedene Pilzarten vor. Dazu gehören parasitische Arten wie der Birkenporling (Fomitopsis betulina) und der Schiefe Schillerporling (Inonotus obliquus), die beide an Hänge-Birken wachsen, sowie verschiedene Arten, die ihre Fruchtkörper auf dem Boden bilden.

Für viele Tierarten, darunter Vögel und Insekten, entsprechen die Bäume des Industriewaldes ihrem typischen Lebensraum. Neben der Kohlmeise (Parus major) und der Blaumeise (Cyanistes caeruleus) leben dort unter anderem der Zilpzalp (Phylloscopus collybita), der Fitis (Phylloscopus trochilus), der Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla) und die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla). Zu den (hauptsächlich) baumbewohnenden Insekten zählen beispielsweise die Birkenwanze (Kleidocerys resedae), der Blaue Erlenblattkäfer (Agelastica alni) und die Große Birken-Blattwespe (Cimbex femoratus). Auf und im Totholz, das sich im Industriewald findet, leben ebenfalls etliche Pilz- und Insektenarten, darunter die Raupen der Prächtigen Faulholzmotte (Alabonia geoffrella).






Der dem Baldeneysee näher gelegene Bereich des Haldenrückens weist teilweise dichtes „Unterholz“ aus Sträuchern auf. Hier dominieren Brombeeren (Rubus sp.). Außerdem gibt es weitere niedrige Pflanzen und Gräser. Sie beherbergen viele kleine Tiere, darunter verschiedene Spinnenarten wie die Gewöhnliche Konusspinne (Cyclosa conica). Auffällig ist der große Bestand des Salbei-Gamanders (Teucrium scorodonia), einer Waldart. Auf der vom See weiter entfernten Seite des Haldenrückens ist ein großer Teil des Bodens dicht mit Moosen bedeckt. Stellenweise dominiert das Zypressenschlafmoos (Hypnum cupressiforme), häufig ist auch das Wald-Frauenhaarmoos (Polytrichum formosum). Daneben finden sich mehrere weitere Arten.
Mehr Informationen zu Industriewäldern im Allgemeinen gibt es hier.









2. Ebene Fläche mit Rohboden
Auf dem Bergrücken der Halde Pörtingsiepen gibt es eine kleine Lichtung im Industriewald. Diese relativ ebene Fläche ist größtenteils nicht bewachsen, allenfalls Moose und niedrige Pflanzen wie Gräser finden sich dort. Der Rohboden, also das Bergematerial, bietet vielen kleinen Tieren gute Versteckmöglichkeiten. Zwischen den Steinen leben Spinnen, Asseln, Ameisen und weitere Kleinlebewesen. Einige Pilzarten sind in diesem Bereich der Halde ebenfalls zu finden, darunter Erdsterne (Gaestrum sp.). Zudem sind die an dieser Stelle hauptsächlich unter Bäumen wachsenden Moose ein Mikrokosmos mit vielen Lebewesen. Nach Regenfällen lassen sich dort zum Beispiel verschiedene Schneckenarten beobachten.

Wegen der kleineren Hügel auf der Lichtung wird dieser Bereich der Halde von Mountainbiker*innen als Schanze genutzt. Außerdem wird dort gern nach Fossilien gesucht.
Mehr Informationen zu Pionierstandorten mit Rohbodenflächen im Allgemeinen gibt es hier.






3. Steilhang mit losem Bergematerial (Geröllfläche)
Wegen ihrer starken Steigung sind die Flanken der Halde nicht begehbar. Dort wachsen zahlreiche Hänge-Birken (Betula pendula), die in den steilen Bereichen mit ihren Wurzeln offenbar genügend Halt finden. Dazwischen wachsen viele Brombeeren (Rubus sp.). Zudem gibt es offene Bereiche ohne Vegetation, wo das Bergematerial gut zu erkennen ist. Diese Abschnitte der Halde erinnern mit ihrem locker liegenden Gestein an Schutthalden, wie sie zum Beispiel am Fuße von Steilwänden in den Alpen vorkommen. Zwischen den Steinen leben kleine Wirbellose, wie Spinnen und Ameisen. Im Frühling lassen sich dort oft kleine Singvögel wie der Fitis (Phylloscopus trochilus) dabei beobachten, wie sie nach diesen winzigen Tieren jagen.

Am Fuß der Flanke nahe des Hadenbergufers, also zum Baldeneysee hin, wachsen an einer solchen offenen Stelle einige große Exemplare des Gewöhnlichen Wurmfarns (Dryopteris filix-mas).









Besonderheiten
Fossilien
Die Halde Pörtingsiepen ist reich an Schiefertonen, die Pflanzenabdrücke aus dem Oberkarbon enthalten. Auf der Lichtung, die sich auf dem Haldenrücken befindet, wird man mit etwas Glück fündig. Weil dort bereits viele Menschen nach Fossilien Ausschau gehalten und Versteinerungen mitgenommen haben, braucht man Geduld. Besonders leicht lassen sich die Fossilien dagegen am Fuße der steilen Geröllfläche in der Nähe des Hardenbergufers finden. Dort ist man auch keinen Mountainbiker*innen im Weg.
Wie auf allen Bergehalden des Ruhrgebiets gilt: Wer Fossilien findet, darf sie behalten, weil sie für die Wissenschaft wertlos sind.

Bestand der Waldgrille
In der Falllaubschicht und in kleinen Hohlräumen des Bergematerials lebt die Waldgrille (Nemobius sylvestris). Diese flugunfähigen Heuschrecken sind unauffällig und zirpen sehr leise. Wer im Sommer genau hinhört und -sieht, kann sie in großer Zahl auf der Halde entdecken. Bisher habe ich sie im Ruhrgebiet auf keiner anderen Bergehalde beobachten können.



Historische Bahnlinie: Hespertalbahn
Mit der Hespertalbahn findet sich im Essener Süden am Baldeneysee ein besonderes historisches Relikt der Industriegeschichte der Region. Sie wurde im 19. Jahrhundert gebaut, um zunächst Erz aus den Gruben dieser Gegend und später Steinkohle der Zeche Pörtingsiepen zu transportieren. Damit erschloss sie das Hespertal für den Bergbau und die Schwerindustrie und verband Orte wie Kupferdreh mit wichtigen Industrieanlagen. Nach der Stilllegung der Zeche Ende 1972 wurde auch der reguläre Bahnbetrieb eingestellt.
Seit Mitte der 1970er-Jahre wird die Strecke von einem engagierten Verein als historische Eisenbahn betrieben. Auf einer rund 4,5 Kilometer langen Strecke pendeln heute historische Dampfloks und andere alte Loks mit nostalgischen Wagen in gemächlichem Tempo zwischen dem Alten Bahnhof Kupferdreh und Haus Scheppen. Dabei passieren sie die Halde Pörtingsiepen. Allerdings fahren die Züge nicht mehr täglich, sondern nur an bestimmten Betriebstagen und zu Veranstaltungen nach einem saisonalen Fahrplan. Wer die Halde an einem Tag mit Zugverkehr besucht, kann die Lokomotiven aus erhöhter Position in Aktion erleben.
Meine Naturbeobachtungen
Erst Mitte 2022 habe ich die Halde Pörtingsiepen für mich als Naturexkursionsziel entdeckt. Seither besuche ich sie mehrmals jährlich und erfasse die von mir beobachteten Arten. Meine Beobachtungsdaten dokumentiere ich auf dem Meldeportal von NABU|naturgucker, sie sind im Gebiet Halde Pörtingsiepen zu finden. Die folgende Statistik fasst die Sichtungen zusammen.
Anzahl der Taxa1 pro Artengruppe
Moose: 10
Gefäßpflanzen: 86
Amphibien: 0
Reptilien: 0
Säugetiere: 3
Vögel: 36
Insekten: 176
Sonstige Tiere: 41
Pilze, Flechten und Schleimpilze: 48
Bakterien: 0
Gesamt: 400
Exkursionen: 13
Beobachtungsdatensätze: 1.346
Bezugszeitraum: 22.07.2022 bis 04.09.2025
1 Was sind Taxa? Das können Sie hier nachlesen.

Infos für den Besuch
Es gibt nur einen durchgehenden Weg, der über die Halde führt. Ein Zugang ist von Haus Scheppen aus kommend über einen sanft ansteigenden Pfad oder am anderen Ende der Halde über ein steiles Wegstück möglich. Dieser Weg über die Halde entspricht einem Teilstück des Baldeneysteigs, eines rund um den Baldeneysee verlaufenden Wanderwegs, führt über die Halde Pörtingsiepen.
Im südlichen Bereich der Halde gibt es neben dem Hauptweg auf der dem Baldeneysee zugewandten Seite einen Stichweg, der an den Fuß der steilen Flanke führt.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Halde nicht direkt erreichbar. Die nächstgelegene Bushaltestelle (Hespertal, Buslinie 180) ist zwei Kilometer entfernt. Alternativ kann man mit dem Zug bis Essen-Kupferdreh fahren (S9 und RE49) und von dort aus 2,3 Kilometer bis zur Halde Pörtingsiepen laufen. Der größte Teil des Weges verläuft am Baldeneysee entlang. Mit dem Pkw kann man entweder auf dem Wanderparkplatz Pörtingsiepen (1,8 Kilometer entfernt) parken und am Hesperbach entlang zur Halde laufen oder am Haus Scheppen (550 Meter entfernt) parken.
Hier können Sie einen Teil der Halde auf dem 360°-Bild virtuell erkunden.
In der Nähe (Radius 5 km)
Die in Kilometern angegebene Distanz entspricht der Luftlinie.
Essen
Im Schellenberger Wald nördlich des Baldeneysees gelegen, ist die kleine und weitestgehend unbekannte Halde Gottfried Wilhelm nur circa 2,8 km entfernt.