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Pionierstandorte
Als Pionierstandorte werden Flächen bezeichnet, deren Untergrund aus nicht oder nur schwach entwickeltem Boden besteht. Sie stellen eine weitere ökologisch bedeutsame Lebensraumkategorie in der Industrienatur des Ruhrgebiets dar. Denn sie beherbergen eine Reihe hoch spezialisierter Arten, die anderswo keine passenden Lebensbedingungen finden. Viele von ihnen werden als Pionierarten bezeichnet, weil sie die entsprechenden Flächen als erste besiedeln.
Inhalt dieser Seite
Entstehung und Standorte
Rohbodenflächen entstehen, wenn Gestein langsam verwittert und sich daraus ein erster, noch sehr junger Boden bildet. Dieser enthält meist kaum Nährstoffe und noch keine fruchtbare, dunkle Schicht aus Humus. Solche Flächen kommen oft dort vor, wo der Boden stark abgetragen wird oder der Mensch eingegriffen hat – zum Beispiel auf Baustellen, in Gräben, durch den Einsatz schwerer Maschinen oder durch das Aufschütten von Bergehalden. In der Natur entstehen Rohbodenflächen ganz ohne menschliches Zutun, etwa an steilen Berghängen, in Flussauen nach Hochwasser, auf Geröllhalden, in Dünengebieten oder nach Vulkanausbrüchen.
Mit der Zeit lagern sich die ersten abgestorbenen Pflanzenreste und andere organische Stoffe an. Durch die Tätigkeit von Tieren, Pilzen und Bakterien wird der Boden nach und nach belebt. So entwickelt er sich zu einem fruchtbareren Untergrund, auf dem mehr Pflanzen wachsen können. Am Anfang dieser natürlichen Entwicklung steht somit die Pionierphase.
Rohbodenflächen gibt es im Ruhrgebiet vor allem auf noch jungen, nicht renaturierten Halden. Das dort aufgeschüttete Bergematerial besteht aus zunächst unverwittertem Gestein. Erst im Laufe der Zeit zersetzt es sich und die Bodenbildung beginnt. Auf einigen älteren Halden werden die Pionierflächen durch gezielte Pflegemaßnahmen erhalten.
Auch auf einigen Industriebrachen gibt es Rohbodenflächen. Oft sind es Bereiche, in denen die oberste Bodenschicht entfernt wurde oder erheblich mit Schadstoffen verunreinigt ist, können Rohbodenverhältnisse zeigen. Darüber hinaus können frisch angelegte oder stark beanspruchte Wege und Bahntrassen vor allem an den Rändern Bereiche mit Rohböden aufweisen.
Einige Beispiele für Industrienatur-Standorte mit Pionierflächen sind:
⇒ Halde Haniel in Bottrop
⇒ Halde Hoheward in Herten/Recklinghausen
⇒ Halde Lothringen in Bochum
⇒ Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen
⇒ Halde Rungenberg in Gelsenkirchen
⇒ Landschaftspark Duisburg-Nord
⇒ Mottbruchhalde in Gladbeck
⇒ Schurenbachhalde in Essen
⇒ UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen



Typische Merkmale
Charakteristisch für Pionierstandorte sind Böden ohne oder mit nur sehr geringer Humusschicht. Sie enthalten nur wenig organische Substanz und Mineralstoffe wie Stickstoff, die viele Pflanzen für ihr Wachstum benötigen. Das bedeutet, dass diese schwach entwickelten Böden in der Regel ausgesprochen nährstoffarm sind. Auf ihnen können nur sehr wenige, vor allem niedrige Pflanzen wachsen.
Da Rohböden in der Regel aus unverwittertem Gestein oder ähnlichen Materialien bestehen, können sie nur wenig Wasser speichern. Hinzu kommt, dass diese Flächen stark dem Wind ausgesetzt sind, was die Verdunstung begünstigt. Das gilt auch für schwach entwickelte Böden, die jedoch meist schon ein wenig besser Wasser speichern können. Trotzdem gilt: Pionierstandorte sind häufig sehr trocken.
Da größere Pflanzen fehlen, sind diese Flächen oft unbeschattet. Das führt zu Temperaturextremen: Im Sommer wird es sehr heiß und im Winter kühlt der Boden durch den fehlenden Schutz der Pflanzen stark ab. Die sommerliche Hitze wird auf den Bergehalden des Ruhrgebiets noch dadurch verstärkt, dass das Gestein sehr dunkel ist und die Sonnenwärme speichert. An manchen Sommertagen werden an Pionierstandorten auf Halden Bodentemperaturen von bis zu 60 °C erreicht.


Arten an Pionierstandorten
Zu den kleinen und unscheinbaren Pionierbesiedlern gehören niedrige Flechten und Moose. Sie besiedeln mit der Zeit die Rohbodenflächen und tragen zur Bodenbildung bei.
Einige Pflanzenarten, die an nährstoffarme Böden, Trockenheit und starke Sonneneinstrahlung angepasst sind, finden sich ebenfalls an Pionierstandorten. Beispiele sind der Gewöhnliche Reiherschnabel (Erodium cicutarium) und der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare) sowie Neophyten wie das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens) und der Schmalblättrige Klebalant (Dittrichia graveolens). Eine weitere häufige Pflanzenart dieser Lebensräume ist das Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum).
Einige Insektenarten sind auf Pioniervegetation oder offene Bodenverhältnisse angewiesen. Dazu gehören die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) und die Blauflügelige Sandschrecke (Sphingonotus caerulans). Manche Wildbienen nutzen Rohböden als Nistplatz. Etliche Arten sind auf bestimmte Nahrungspflanzen spezialisiert. Ein Beispiel ist der Johanniskraut-Blattkäfer (Chrysolina hyperici), der auf das Tüpfel-Johanniskraut angewiesen ist und ihm dorthin folgt, wo es vorkommt.
Vogelarten, die offene, vegetationsarme Landschaften mit sandigem oder steinigem Untergrund zur Nahrungssuche und Brut bevorzugen, leben ebenfalls an diesen Pionierstandorten oder suchen sie zeitweise auf. Beispiele hierfür sind der Flussregenpfeifer (Charadrius dubius) und die Heidelerche (Lullula arborea). Wo es temporäre Gewässer an Pionierstandorten gibt, kommt im Ruhrgebiet vielerorts die Kreuzkröte (Epidalea calamita) vor. Sie gilt als Pionierart offener, warmer Gebiete.









Ökologische Bedeutung
Trotz der rauen Bedingungen sind Pionierstandorte wichtige Lebensräume für spezialisierte Organismen, die sich an diese extremen Umweltbedingungen angepasst haben. Da solche Flächen in der Natur heute kaum noch zu finden sind, weil der Mensch stark regulierend eingreift, sind Pionierstandorte auf Halden und Industriebrachen des Ruhrgebiets von immenser Bedeutung. Viele der dort lebenden spezialisierten Arten sind bundesweit oder zumindest in Nordrhein-Westfalen gefährdet beziehungsweise vom Aussterben bedroht.

Gefährdung und Schutz
Wie alles in der Natur unterliegen auch Pionierstandorte einer natürlichen Entwicklung. Mit der Zeit entsteht humoser, nährstoffhaltiger Boden und die Verbuschung (Sukzession) schreitet voran. Dadurch verschwinden die offenen Rohbodenflächen und mit ihnen die dort lebenden Arten. Im Ruhrgebiet wurde dieser Prozess auf vielen Halden durch eine gezielte Begrünung der Flächen beschleunigt. Dazu wurde humoser Boden aufgetragen, Samen ausgebracht und Pflanzen wurden gepflanzt. Dadurch wurden die Pionierstandorte zerstört.
Weitere Gefährdungsfaktoren, die zum Verschwinden der Pionierstandorte beitragen können, sind die Bebauung sowie eine zu intensive Nutzung der Flächen durch den Menschen.
Der Schutz dieser wertvollen Lebensräume ist entscheidend für die Artenvielfalt im Ruhrgebiet. Entscheidend ist ein Management, das die natürliche Verbuschung berücksichtigt und offene Rohbodenbereiche durch gezielte Pflegemaßnahmen erhält. Das heißt, auch wenn es vielen Menschen zerstörerisch erscheint, höhere Stauden und weitere Pflanzen wie Brombeeren zu entfernen und eine kahle Fläche zurückzulassen, ist dies doch eine wichtige und sinnvolle Vorgehensweise, um Pionierstandorte zu erhalten.
