Die Mottbruchhalde am 26.02.2023

Mottbruchhalde

Im Süden Gladbecks erheben sich mehrere künstliche Berge, die als „Braucker Alpen” bezeichnet werden. Die größte von ihnen ist die Mottbruchhalde, die sich durch ihre markante Form auszeichnet. Sie bietet eine grandiose Rundum-Aussicht und ist Lebensraum für eine artenreiche Flora und Fauna der Industrienatur.

Steckbrief

Standort: Gladbeck-Brauck
Koordinaten: 51° 32′ 42.871“ N, 6° 59′ 26.814“ O
Schüttbeginn: ?
Schüttende: 1989
Maximale Höhe relativ zur Umgebung: ca. 80 m
Höchster Punkt absolut: 117 m ü. NN
Fläche: 54 Hektar
Haldentyp: Landschaftsbauwerk
Material: Bergematerial
Besonderheit: Windkraftanlage
Begehbar: ja
Eigentümer: Regionalverband Ruhr (RVR)

Entstehung

Bis 1989 dauerte die Aufschüttung der Mottbruchhalde, der Abraum stammte aus der Zeche Zeche Moltke III/IV. Schon recht bald wurde überlegt, wie die Zukunft dieser Halde aussehen sollte. Zur Gestaltung wurde ein Wettbewerb mit dem Motto „Halde im Wandel“ ausgeschrieben. Dabei setzte sich ein Konzept durch, das vorsah, die Halde so aufzuschütten, dass sie letztlich einem Vulkan ähneln würde.

Heute hat sie eine von zwei Seiten aus zugängliche, 5 Hektar große „Gipfelcaldera“ mit Steilwänden. Es gab mehrere weitere Gestaltungsideen, darunter die Installation einer rot beleuchteten Wasserfontäne in der „Caldera“, die an Lava erinnern sollte. Daraus wurde jedoch nichts. Seit Anfang der 2020er-Jahre ragt stattdessen ein Windrad aus dem „Vulkan“.

Lebensräume und Artbeispiele

1. Fläche mit Rohboden

In der Gipfelregion dominiert Rohboden mit Pioniervegetation. Um den Bereich offen zu halten, werden dort Pflegemaßnahmen durchgeführt. Dadurch bleiben die Bedingungen für Pionierarten, zu denen verschiedene Moose gehören, gut.

Interessant sind die salzliebenden Pflanzen, die sich dort finden lassen. Da das im Bergematerial enthaltene Salz noch nicht stark ausgewaschen ist, finden sie dort derzeit gute Bedingungen vor. Beispiele sind die Spieß-Melde (Atriplex prostrata) und die Echte Strandkamille (Tripleurospermum maritimum). Am Haldenfuß ist übrigens deutlich zu sehen, dass durch die Niederschläge kontinuierlich Salze ausgewaschen werden, die sich weiter unten als weiße Krusten zeigen.

An den „Kraterwänden“ gedeihen etliche Pflanzenarten, die trockene, warme und nährstoffarme Standorte benötigen. Ein Beispiel ist die Sprossende Felsennelke (Petrorhagia prolifera). Zudem leben an den Hängen viele kleine Wirbellose, darunter verschiedene Springspinnenarten wie die V-Fleck-Springspinne (Aelurillus v-insignitus).

Am Boden der „Gipfelcaldera“ kommen an den niedrigen Pflanzen einige besondere Insektenarten vor, darunter die in Deutschland als gefährdet eingestufte Wanzenart Conostethus roseus.

2. Temporärgewässer

Im westlichen Teil der „Gipfelcaldera“ befindet sich ein Bereich, in dem sich Regenwasser sammelt und ein temporäres Gewässer bildet. Dieses trocknet meist nur während längerer Trocken- bzw. Hitzeperioden aus. Da es die meiste Zeit Wasser führt, können in diesem Gewässer verschiedene Wasserpflanzen überleben. Hierzu gehören der Wasser-Hahnenfuß (vermutlich Ranunculus aquatilis) und der Breitblättrige Rohrkolben (Typha latifolia).

Während des Frühlings und Sommers laichen Kreuzkröten (Epidalea calamita) in dem Temporärgewässer und es lassen sich in Jahren mit guten Bedingungen Tausende Kaulquappen beobachten.

Diese Fülle an Beutetieren lockt Rabenkrähen (Corvus corone) und Dohlen (Corvus monedula) an, die die Krötenlarven in großer Zahl aus dem flachen Wasser picken. Auch die eine oder andere dort lebende Libellenlarve erbeuten die Vögel.

Mehr Informationen zu Temporärgewässern im Allgemeinen gibt es hier.

3. Offene, trockene Hochstaudenflur in Hanglage

Unterhalb des Gipfels befindet sich eine weitläufige Fläche, auf der Gräser und Hochstauden wachsen. Dieser Bereich ist steil und es gibt bislang keine etablierten Trampelpfade, weshalb die Natur dort weitestgehend ungestört ist.

Neben zahlreichen anderen Insektenarten profitiert dort vor allem der Schwalbenschwanz (Papilio machaon) von dem Vorkommen der Wilden Möhre (Daucus carota). Für ihn ist auch die Form der Halde attraktiv, denn er kann sie für seine Balz nutzen. Weiter oben am Himmel lassen sich oft Turmfalken (Falco tinnunculus) im Rüttelflug über den Hängen der Halde beobachten.

Die östliche Flanke wurde bepflanzt. Inzwischen stehen die Sträucher und Bäume dort recht dicht und bieten Singvögeln einen Lebensraum mit guten Versteckmöglichkeiten. An den Weiden (Salix sp.) und Hänge-Birken (Betula pendula) sind viele auf diese Pflanzen spezialisierte Insektenarten zu finden.

4. Gebüsch und Industriewald

An der östlichen Flanke finden sich Bäume und Sträucher. Einige davon wurden gepflanzt, darunter Arten wie der Sanddorn (Hippophae rhamnoides), außerdem gibt es Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii). Andere Arten haben sich vermutlich spontan angesiedelt. Hierzu gehören Pionierarten wie Weiden (Salix sp.) und Hänge-Birken (Betula pendula), an denen sich viele auf diese Pflanzen spezialisierte Insektenarten finden. In diesem abschnittsweise dicht bewachsenen Bereich der Halde leben und brüten verschiedene Vogelarten wie beispielsweise die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla). Insbesondere dort, wo die Hänge-Birken wachsen, gibt es am Boden vielerorts Bestände verschiedener Cladonia-Flechten (Cladonia sp.).

5. Rückhaltebecken etc.

Am Fuße der Mottbruchhalde befinden sich drei eingezäunte Rückhaltebecken (5a, b und c auf der Karte), in die das abfließende Regenwasser geleitet wird. In diesen Becken halten sich im Sommerhalbjahr Grünfrösche (Pelophylax sp.) auf. Zudem nutzen verschiedene Libellenarten die Becken als Fortpflanzungsgewässer. Das Gewässer am nördlichen Haldenfuß sowie das südöstliche Rückhaltebecken sind durch die Umzäunung hindurch recht gut einsehbar. Dagegen ist das südliche Rückhaltebecken in Sachen Naturbeobachtungen etwas herausfordernd.

Mehrere Freileitungsmasten stehen im südöstlichen Abschnitt am Fuße der Mottbruchhalde. Der östlichste von ihnen ragt wenige Meter neben dem südöstlichen Rückhaltebecken (5c) empor. Er ist für Naturinteressierte einen Besuch wert. Denn unter ihm befindet sich ein kleines, nicht eingezäuntes Rückhaltegewässer, in dem sich das von der Halde abgeleitete Regenwasser sammelt.

Von Frühjahr bis Herbst halten sich dort verschiedene Libellen auf, darunter die Frühe Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula). Außerdem ist die Neuseeländische Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum) in beeindruckend großer Zahl vertreten. Auch der an dieses Kleingewässer angrenzende Schilfbereich hält immer wieder Überraschungen bereit.

Besonderheiten

Gipfelbalz der Schwalbenschwänze

Im Sommer lassen sich die Schwalbenschwänze (Papilio machaon) auf der Mottbruchhalde gut bei der Gipfelbalz („Hilltopping“) beobachten. Die Männchen dieser großen und auffälligen Schmetterlingsart fliegen immer wieder weit nach oben und segeln dann entlang des Hanges hinunter. So können sie einerseits selbst nach Weibchen suchen und sind gleichzeitig selbst weithin sichtbar. Bis zu 10 Tiere habe ich dort schon gleichzeitig fliegend beobachten können.

Zwei fliegende Schwalbenschwänze (Papilio machaon), Mottbruchhalde, 05.08.2023

Bereiche mit Salzaustritten und Muschelkrebsen

Am Haldenfuß des nördlichen Teils der Halde gibt es in der Nähe des großen Rückhaltebeckens eine Stelle, an der vor allem nach ergiebigen Regenfällen Wasser aus dem Haldenkörper sickert. Nachdem es weiter oben auf die Halde gefallen ist und in das Bergematerial eingesickert ist, hat es auf seinem Weg nach unten Salze gelöst und transportiert sie nach draußen. Verdunstet dieses salzhaltige Wasser, bilden sich am Boden und an der niedrigen Vegetation deutlich sichtbare weiße Salzkrusten. Sie sind jedoch nicht von Dauer und werden beim nächsten Regen aufgelöst. Da dieser Regen aber weiteres Wasser durch den Haldenkörper schickt, das Salz löst, bilden sich an der Austrittsstelle meist bald neue Krusten.

Solche Salzaustritte sind ein vorübergehendes Phänomen, das sich vor allem bei jungen Bergehalden zeigt. Mit den Jahren löst das in den Haldenkörper sickernde Wasser dort alles Salz und schwemmt es aus, sodass schließlich irgendwann nur noch Wasser austritt.

Obwohl das austretende Wasser recht salzhaltig sein kann, überleben winzige Muschelkrebse (Ostracoda) darin. Man kann sie dort, wo es sich am Haldenfuß sammelt beobachten. Die nur 1–2 mm großen Krebstiere sind als wuselnde, orange- bis ockerfarbene Punkte im Wasser zu sehen. Sinkt der Wasserstand, versammeln sie sich in vergleichsweise tiefen Bereichen des Temporärgewässers und sind dann besonders leicht zu erkennen.

Fossilien und Mineralien

Ein genauer Blick auf das Bergematerial der Mottbruchhalde kann sich lohnen, denn mit etwas Glück lassen sich darin Versteinerungen von Pflanzen aus dem Erdzeitalter des Oberkarbons finden. Zudem liegen hier und da Mineralien auf dem Haldenboden.

Da die Fossilien und Mineralien nicht mehr ihren ursprünglichen Lagerungsorten unter der Erde zugeordnet werden können, sind sie für die Forschung nicht nutzbar. Aus diesem Grund ist es erlaubt, sie mitzunehmen. Wer also auf der Mottbruchhalde Pflanzenabdrücke und andere schöne geologische Fundstücke entdeckt, darf sie mitnehmen.

Meine Naturbeobachtungen

Seit Ende 2022 besuche ich die Mottbruchhalde mehrmals jährlich, um dort die Natur zu erkunden. Meine Beobachtungsdaten dokumentiere ich auf dem Meldeportal von NABU|naturgucker und sammle die Angaben im Gebiet Mottbruchhalde. Die folgende Statistik zeigt, was ich dort bereits beobachtet habe.

Anzahl der Taxa1 pro Artengruppe

Moose: 11
Gefäßpflanzen: 218
Amphibien: 2
Reptilien: 0
Säugetiere: 2
Vögel: 42
Insekten: 249
Sonstige Tiere: 48
Pilze, Flechten und Schleimpilze: 30
Bakterien: 1
Gesamt: 604

Exkursionen: 12
Beobachtungsdatensätze: 1.896
Bezugszeitraum: 25.12.2022 bis 25.06.2025

1 Was sind Taxa? Das können Sie hier nachlesen.

Infos für den Besuch

Ein Besuch der Mottbruchhalde lohnt sich zu allen Jahreszeiten. Im Sommer kann es im Gipfelbereich sehr heiß werden, da sich das dunkle Bergematerial durch die Sonneneinstrahlung stark aufheizt. Dass dort oben eine Windkraftanlage steht, ist kein Zufall, denn auf den höheren Halden des Ruhrgebiets weht häufig ein kräftiger Wind, so auch auf der Mottbruchhalde. Insbesondere im Winter kann er die ohnehin schon niedrigen Temperaturen noch eisiger wirken lassen. Ohne Handschuhe werden die Hände beim Fotografieren schnell ziemlich kalt.

Wer die Mottbruchhalde mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen möchte, fährt am besten zur Haltestelle „Zur Antoniusstraße“ in Gladbeck (Buslinie 253). Von dort aus sind es nur 400 Meter bis zum südöstlichen Haldenzugang. Die Haltestelle Kösheide (Buslinie 189) ist etwas weiter weg. Zu Fuß legt man von dort bis zum östlichen Haldenzugang eine Strecke von 600 Metern zurück. In der Nähe der Halde gibt es kaum Parkmöglichkeiten für Pkw. Circa 1,3 Kilometer entfernt liegt an der Heringstraße jedoch ein öffentlicher Parkplatz.

In der Nähe (Radius 5 km)

Alle in Kilometern angegebenen Distanzen sind Luftlinien.

Gladbeck

Vom Gipfel der Mottbruchhalde bis zum Zentrum des benachbarten Naturschutzgebiets Natroper Feld, einem Bergsenkungsgebiet, beträgt die Entfernung nur 400 m. Nördlich liegen die nicht begehbare Halde Graf Moltke III/IV (680 m) und die etwas kleinere Halde im Brauck (820 m). Letztere darf betreten werden. Südöstlich befindet sich in einer Entfernung von circa 0,77 km die Halde 22. Bis zur Halde 19 sind es 1,36 km. Mit der Halde Rheinbaben (2,3 km) liegt eine weitere begehbare Industrienatur-Stätte im Umkreis von 5 km. Die benachbarte Halde Ellinghorst (2,5 km) darf nicht betreten werden.

Bottrop

Nur 3,15 km entfernt erhebt sich die Halde Beckstraße mit der Skulptur „Tetraeder”.

Essen

Bis zur Schurenbachhalde und der kleinen Halde Eickwinkel sind es von der Mottbruchhalde aus nur 4,1 km. Noch näher liegt die kleine Halde 7, die auch Halde Mathias Stinnes oder Stinneshalde genannt wird. Sie ist nur 1,94 km von der Mottbruchhalde entfernt.

Gelsenkirchen

Nur rund 3,6 km nordöstlich erstreckt sich die Halde Rungenberg.

⇒ Mottbruchhalde auf Wikipedia
⇒ Mottbruchhalde auf Ruhrgebiet-industriekultur.de

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