Landschaft im Gleispark Frintrop, 26.08.2023

Gleispark Frintrop

Wo früher Züge rangierten und Güter verladen wurden, liegt heute eine grüne Oase mitten im dicht besiedelten westlichen Ruhrgebiet. Im lichten Birkenwald, an den beiden Artenschutzgewässern und in den offenen Bereichen leben im Gleispark Frintrop zahlreiche Tiere, Pflanzen und Pilze, für die diese Industriebrache ein wichtiger Rückzugsort ist.

Steckbrief

Standort: Essen-Dellwig
Koordinaten: 51° 29′ 16.4544“ N, 6° 54′ 28.8684“ O
Typ: ehemaliger Güterbahnhof
Fläche: rund 30 Hektar
Gebäude(reste) oder Gleise: nein
Zugänglichkeit: kostenlos und zeitlich unbeschränkt
Eigentümer: Regionalverband Ruhr (RVR)

Entstehung

Die Montanindustrie des Ruhrgebiets war auf verlässliche Transportwege angewiesen. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Schienengüterverkehr. Bereits im Jahr 1847 wurde die Köln-Mindener Eisenbahnstrecke fertiggestellt. Ihr ist es zu verdanken, dass der Bergbau sowie die Stahl- und Eisenindustrie in dieser Region in den folgenden Jahrzehnten florieren konnten.

Mithilfe der Bahnstrecke ließen sich Steinkohle und Erze über weite Distanzen transportieren. Um die Beförderung der Rohstoffe so effizient wie möglich zu gestalten, waren Rangierbahnhöfe erforderlich. Einer davon war der Sammelbahnhof Frintrop. Er war fast einen Kilometer lang und maß an der breitesten Stelle etwa 250 Meter. Mehrere Stammgleise teilten sich dort in sogenannte Gleisharfen auf, sodass über 40 Gleise parallel nebeneinander verliefen und zum Rangieren genutzt werden konnten.

Mit der Zeit wurde der Bahnhof jedoch zunehmend unbedeutender, da immer mehr Rohstoffe über den nahe gelegenen Bahnhof Oberhausen-Osterfeld und auf dem neu gebauten Rhein-Herne-Kanal transportiert wurden. Man baute deshalb etliche Gleise bereits ab. Bis 1987 wurde die schon merklich kleiner gewordene Essener Anlage noch als Übergabebahnhof genutzt, dann war endgültig Schluss.

Nach der Stilllegung eroberte die Natur das Areal, und erste Pflanzen wuchsen auf den nicht mehr befahrenen Gleisen. Der Regionalverband Ruhr kaufte das Gelände im Jahr 1998 und renaturierte es. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden die Schienen demontiert und der Gleisschotter in weiten Teilen der Fläche entfernt. In dem neuen Landschaftspark wurden Wege angelegt, sodass die Menschen den Ruderalpark Frintrop, wie er bis 2007 hieß, für die Naherholung nutzen konnten. Zur offiziellen Eröffnung im Mai 2007 erhielt er seinen heutigen Namen „Gleispark Frintrop”.

Im Gegensatz zu vielen anderen heutigen Standorten der Industrienatur wurde dieses Areal nicht begrünt. Vielmehr sollte es von Beginn an als Ort für den Fortbestand der spontanen Pionierflora und -fauna erhalten bleiben. Durch regelmäßige Pflegemaßnahmen wird der natürlichen Verbuschung in den offenen Bereichen seither entgegengewirkt. Dabei werden beispielsweise höhere Stauden gekürzt, Brombeeren zurückgeschnitten und junge Bäume entfernt. Nur so können wärmeliebende Spezies und Offenlandarten auch weiterhin im Gleispark Frintrop leben.

Heute ist der Gleispark Frintrop ein Standort der Route Industrienatur. Außerdem gehört er zum Emscher Landschaftspark.

Die ehemalige Gleisharfe im Sommer Die ehemalige Gleisharfe im Winter
Die ehemalige Gleisharfe im Sommer und im Winter

Lebensräume und Artbeispiele

1. Industriewald

Mitte der 1990er-Jahre begannen die ersten Bäume zu wachsen. Es siedelten sich hauptsächlich Hänge-Birken (Betula pendula) an. Sie bilden heute einen lichten Industriewald und werden inzwischen von anderen Gehölzen ergänzt. Einige der ersten Birken sind inzwischen abgestorben. Es gibt etwas stehendes und liegendes Totholz. Davon profitieren einige Pilzarten.

Der Industriewald im Gleispark Frintrop beherbergt neben zahlreichen Insekten vor allem Vögel und Kleinsäuger. Am Boden gibt es stellenweise noch Gleisschotter, in dem kleine Wirbellose wie Asseln, Steinläufer und Schnecken Verstecke finden.

Neben dem breiten Hauptweg, der im südlichen Bereich des Gleisparks durch den Industriewald führt und von vielen Exemplaren des Schmetterlingsflieders (Buddleja davidii) gesäumt wird, befindet sich ein Trampelpfad. Zwischen den Bäumen steht außerdem eine Aussichtskanzel. Von dort aus kann man allerdings nicht besonders weit sehen, da die Bäume die Sicht versperren.

2. Ehemalige Gleisharfe mit Schotter

Auf einer Fläche von etwa 1,2 Hektar befindet sich die ehemalige Gleisharfe. Da dort noch immer Schotter vorhanden ist, ist der Boden sehr trocken und heizt sich bei Sonneneinstrahlung stark auf. Dieser Abschnitt des Gleisparks ist ein wichtiges Refugium für Arten des Offenlandes und für wärmeliebende Spezies.

Durch Pflegemaßnahmen wird verhindert, dass die natürliche Verbuschung voranschreitet. Unmittelbar nach den Eingriffen wirkt die ehemalige Gleisharfe wie eine trostlose Ödnis, doch schon kurze Zeit später beginnen dort erste Pflanzen zu wachsen, darunter das Schmalblättrige Weidenröschen (Epilobium angustifolium) und der Straußblütige Sauerampfer (Rumex thyrsiflorus).

Hochstauden im Bereich der ehemaligen Gleisharfe, Gleispark Frintrop, 06.07.2017 Die ehemalige Gleisharfe kurz nach dem Entfernen höherer Pflanzen, Gleispark Frintrop, 22.04.2025
Die ehemalige Gleisharfe im Gleispark einmal mit Vegetation und einmal ohne

Im Bereich der ehemaligen Gleisharfe leben viele Wirbellose, darunter zahlreiche Ameisen und einige Arten, die in ihren Nestern als Gäste geduldet werden. Dazu gehört die winzige Ameisengrille (Myrmecophilus acervorum), die allerdings sehr schwer zu finden ist. Obwohl ich immer genau hingeschaut habe, konnte ich sie bisher leider noch nicht beobachten. Andere Tiere, die die offene Fläche bewohnen, darunter die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens), sind dagegen relativ leicht zu entdecken. Wer sich für Moose und Flechten interessiert, sollte den Gleisschotter genauer betrachten, weil auf ihm etliche Arten wachsen.

Wenn die letzte Pflegemaßnahme eine Weile zurückliegt und es auf der ehemaligen Gleisharfe einen mehr oder minder dichten Pflanzenbewuchs gibt, lassen sich dort viele Insekten beobachten. Hierunter sind Schmetterlinge wie der Kleine Feuerfalter (Lycaena phlaeas). In den Jahren 2017 und 2018 habe ich dort auch das Weinhähnchen (Oecanthus pellucens) angetroffen.

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3. Offene Landschaft

In weiten Teilen des Gleisparks dominiert offene Landschaft, in der der Boden keinen Gleisschotter mehr aufweist. Hier und da stehen einzelne Bäume oder Sträucher, doch die meisten Pflanzen sind eher niedrig. Zu den dort vorkommenden Pflanzen zählen beispielsweise Rapunzel-Glockenblume (Campanula rapunculus), Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare), Echtes Seifenkraut (Saponaria officinalis), Acker-Kratzdistel (Cirsium arvense), Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum) und verschiedene Gräser vor, darunter das Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos). Eine Besonderheit ist der Bestand der Frühen Segge (Carex praecox). Sie gilt in Nordrhein-Westfalen als stark gefährdet.

Zu den zahlreichen Insekten, die im offenen Bereich des Gleisparks zu finden sind, gehören unter anderem das Kleine Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus), der Gemeine Grashüpfer (Pseudochorthippus parallelus) und die Gelbbinden-Furchenbiene (Halictus scabiosae). An den sandigen und vegetationsarmen Stellen pflanzen sich der Feld-Sandlaufkäfer (Cicindela campestris) und der Dünen-Sandlaufkäfer (Cicindela hybrida) fort.

An etwas höheren Stauden ruhen im Sommer oft Kartäuserschnecken (Monacha cartusiana). In diesem Areal leben und jagen außerdem verschiedene Spinnenarten. In manchen Jahren lassen sich dort beispielsweise recht viele Wespenspinnen (Argiope bruennichi) beobachten.

Im offenen Bereich des Gleisparks finden sich ebenfalls verschiedene Pilzarten, die organisches Material zersetzen. Ein Beispiel hierfür ist der Schopf-Tintling (Coprinus comatus).

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4. Gewässer

Um die Artenvielfalt zu erhöhen, wurden im Gleispark Frintrop 2017 und 2018 zwei kleine Gewässer angelegt (4a und 4b). Damit sollte vor allem der Kreuzkröte (Epidalea calamita) geholfen werden, doch auch andere Arten profitieren von den kleinen Teichen. Es haben sich einige Pflanzen angesiedelt, die feuchte Standorte bevorzugen. Außerdem nutzen mehrere Libellenarten die Gewässer als Jagdreviere und zur Eiablage. Für die im Gleispark lebenden Vögel und Säugetiere sind die Kleingewässer wichtige Trink- und Badeplätze.

Zum Schutz der Tiere und Pflanzen sind die Gewässer eingezäunt. Ein drittes Gewässer (4c) im westlichen Teil des Gleisparks ist ebenfalls eingezäunt und wurde im Rahmen des Projektes LELINA als außerschulischer Bildungsort eingerichtet.

5. Aussichtspunkt Drehberg

Im östlichen Teil des Gleisparks befindet sich eine Aussichtsplattform namens Drehberg, die an eine Pyramide mit flachem Gipfelplateau erinnert. Sie ist zwar klein, für Naturinteressierte jedoch ein lohnender Anlaufpunkt in der Parkanlage. An den trockenen und warmen Flanken des Drehbergs wachsen im Sommer einige Pflanzen, die an diesen extremen Standort angepasst sind. Dazu gehören der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare), Königskerzen (Verbascum spp.) mit vielen auf ihnen lebenden Insekten und die Golddistel (Carlina vulgaris). Die Mauer aus aufgeschichteten Steinen (Gabione) auf dem Drehberg ist ein idealer Rückzugsort für die Mauereidechse (Podarcis muralis). Im Sommer sonnen sich diese kleinen Reptilien gerne an den Flanken des Aussichtspunkts.

6. Unterführung

Von der Dellwiger Straße aus ist der Gleispark Frintrop durch eine Unterführung zu erreichen. Sie ist kein angenehmer Ort, weil sie häufig zum Wildpinkeln genutzt wird und entsprechend verschmutzt ist. Vor allem im Sommer ist der Gestank sehr unangenehm. Da die Unterführung beleuchtet ist, zieht sie Nachtfalter an, die tagsüber an den Wänden ruhen. Noch 2016 konnte ich dort viele Falter beobachten. Aufgrund des allgemeinen Insektenschwunds sind es inzwischen leider sehr viel weniger geworden. In der Unterführung gibt es zudem Spinnen. Wer sich für diese Tiere interessiert, kann dort beispielsweise die Gewöhnliche Sektorspinne (Zygiella x-notata) und die Gewächshaus-Mondspinne (Parasteatoda tepidariorum) beobachten.

Bildung im Gleispark Frintrop

Dank einer mehr als fünfjährigen finanziellen Förderung im Bundesprogramm Biologische Vielfalt konnte ein besonderes Projekt ins Leben gerufen werden: LELINA – Lern- und Erlebnislabor Industrienatur. Im Ruhrgebiet wurden fünf außerschulische Lern- und Erlebnislabore aufgebaut, die von Schüler*innen verschiedener Schulformen und Altersstufen nach wie vor genutzt werden können. Einer dieser Lernorte befindet sich im westlichen Teil des Gleisparks Frintrop. Dort wurde ein kleines Gewässer angelegt, an dem Natur erlebt und untersucht werden kann. In zwei Containern werden Materialien gelagert, damit Lehrkräfte das Kennenlernen der besonderen Stadtnatur des Ruhrgebiets direkt vor Ort optimal gestalten können. Seit dem Ende der Förderung im November 2025 sichert die Biologische Station Westliches Ruhrgebiet den Fortbestand von LELINA.

Meine Naturbeobachtungen

Ich habe das Gebiet im August 2007 zum ersten Mal besucht. Danach war ich rund neun Jahre nicht mehr dort, weil ich vorübergehend ins Rheinland gezogen war. Von 2016 bis 2019 habe ich dann in unmittelbarer Nähe des Gleisparks gewohnt. Damals habe ich viel Zeit dort verbracht und die Industrienatur sehr intensiv erkundet. Seit meinem Wegzug wurden meine Besuche seltener. Trotzdem unternehme ich noch immer gerne naturkundliche Streifzüge durch diesen Landschaftspark, was sich in der Gesamtzahl meiner bisherigen Exkursionen deutlich widerspiegelt. All meine Naturbeobachtungen dokumentiere ich auf dem Meldeportal von NABU|naturgucker, siehe Link. Die folgende Statistik fasst meine Sichtungen zusammen.

Anzahl der Taxa1 pro Artengruppe

Moose: 14
Gefäßpflanzen: 86
Amphibien: 3
Reptilien: 0
Säugetiere: 4
Vögel: 49
Insekten: 668
Sonstige Tiere: 94
Pilze, Flechten und Schleimpilze: 66
Bakterien: 1
Gesamt: 1143

Exkursionen: 160
Beobachtungsdatensätze: 8.218
Bezugszeitraum: 05.08.2007 bis 12.07.2025

1 Was sind Taxa? Das können Sie hier nachlesen.

Infos für den Besuch

Der Gleispark liegt im Westen Essens an der Grenze zur Nachbarstadt Oberhausen. Obwohl er nach dem Stadtteil Frintrop benannt ist, befindet er sich in Essen-Dellwig. Mehrere Wege führen durch das Gelände und bieten unterschiedliche Eindrücke: von sonnenoffenen, kargen Bereichen bis zu schattigen, baumbestandenen Zonen.

Vor allem im Frühling gibt es es morgens ein wahres Vogelkonzert, angefangen bei der Amsel (Turdus merula) bis zum Zilpzalp (Phylloscopus collybita). Abends und nachts sind die lauten Rufe der im Gleispark lebenden Kreuzkröte (Epidalea calamita) zu hören.

Im Sommer ist der Gleispark besonders lebendig. Schmetterlinge und Wildbienen besuchen die Blüten, Libellen schwirren über die beiden künstlich angelegten Gewässer und Mauereidechsen (Podarcis muralis) sonnen sich an besonders warmen Stellen.

Wenn sich im Herbst das Laub der Hänge-Birken (Betula pendula) verfärbt, entfaltet der Industriewald einen ganz besonderen Reiz. Hier und da sind dann auch Pilze zu finden. Während des Winters lassen sich die dort lebenden Vögel in den kahlen Bäumen gut beobachten.

Auf den ebenen Wegen fällt das Gehen und Radfahren leicht. Wer jedoch den mit Gleisschotter bedeckten Bereich näher erkunden möchte, sollte festes Schuhwerk tragen.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Gleispark Frintrop gut erreichbar. Nur knapp 100 Meter von der Unterführung an der Dellwiger Straße entfernt liegt die Haltestelle Wertstraße der Straßenbahnlinie 103. Auch von der Endhaltestelle (Unterstraße) der NaturLinie 105 aus ist er zu Fuß gut zu erreichen. Diese liegt etwa einen Kilometer vom westlichen Zugang zum Gleispark an der Ripshorster Brücke entfernt. Im Umkreis von einem Kilometer gibt es Parkmöglichkeiten für Pkw.

Frühling im Gleispark Frintrop, 22.04.2025

In der Nähe (Radius 5 km)

Alle in Kilometern angegebenen Distanzen sind Luftlinien.

Oberhausen

Rund einen Kilometer entfernt liegt die Brache Vondern. Wie der Gleispark Frintrop ist diese Industriebrache ein Areal ohne Gebäude. Es gibt dort offene Bereiche und einen Industriewald. In einer Entfernung von etwa zwei Kilometern, also doppelt so weit entfernt, befindet sich die Knappenhalde. Die kleine Halde, die aus Bergematerial, Hochofenschlacke und Trümmerschutt aus dem Zweiten Weltkrieg besteht, ist fast vollständig bewaldet.

⇒ Gleispark Frintrop – Essen (Seite des RVR)
⇒ Gleispark Frintrop auf Wikipedia.de
⇒ Der Gleispark Frintrop auf ruhrgebiet-industriekultur.de
⇒ Gleispark Frintrop – Projektseite des Planungsbüros DTP

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