Stillgelegte Gleise, UNESCO-Welterbe Zollverein, 13.04.2024

Gleisanlagen

Die Montanindustrie im Ruhrgebiet war auf zuverlässige Transportwege angewiesen. Ein dichtes Schienennetz diente früher dazu, Rohstoffe per Güterzug zu transportieren. Der Niedergang der Montanindustrie bedeutete auch das Ende der Nutzung vieler Bahnstrecken und Güterbahnhöfe in der Region. Nach ihrer Stilllegung sind diese geraden Strukturen oft sich selbst überlassen geblieben und haben sich zu länglichen, sehr speziellen Lebensräumen entwickelt.

Standorte

Vor allem auf Industriebrachen gibt es heute noch viele stillgelegte Gleisanlagen. Teilweise wurden sie zurückgebaut, Schienen und Holzschwellen sind entsprechend nicht mehr vorhanden. Allerdings gibt es auch etliche noch intakte Gleisanlagen. Mancherorts ist sogar der Gleisschotter erhalten geblieben.

Stillgelegte Gleisanlagen gibt es im Ruhrgebiet beispielsweise an folgenden Industrienatur-Standorten:

⇒ Henrichshütte in Hattingen
⇒ Landschaftspark Duisburg-Nord
⇒ UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen
⇒ Westpark in Bochum
⇒ Zeche Nachtigall in Witten

Ein Sonderfall ist der Gleispark Frintrop in Essen. Obwohl es sein Name vermuten lässt, beherbergt er heute keine intakten Gleisanlagen mehr. Dort, wo sich einst die weitläufige Gleisharfe erstreckt hat, ist lediglich ein Schotterfeld übrig geblieben.

Grafik gut zu wissen

Der Begriff „Gleisharfe” bezeichnet eine parallel verlaufende Gleisgruppe, die aus einem einzigen Stammgleis hervorgeht, das sich verzweigt. Betrachtet man diese nebeneinander liegenden Gleise aus großer Höhe, erinnern sie an die Saiten einer Harfe.

Typische Merkmale

Das Schottermaterial ist wasserdurchlässig und daher in der Regel trocken. Außerdem ist es nährstoffarm. Zwischen den Steinen befinden sich kleine Hohlräume. Noch vorhandene Schienen, Weichen und andere Metallteile tragen zur Strukturvielfalt bei und können Wärme speichern. Holzschwellen, die oft imprägniert sind, können besondere chemische Bedingungen im Boden schaffen. Mit der Zeit haben sich in den Holzteilen Spalten und Risse gebildet, die etlichen kleinen Tieren als Zuflucht dienen.

Entlang stillgelegter Bahnstrecken präsentiert sich die Vegetation oft als Mosaik aus Pionierpflanzen auf offenen Schotterflächen, Trockenrasen mit entsprechenden Arten und Gebüschen entlang der Gleise.

Arten der stillgelegten Gleisanlagen

Der schottrige und trockene Boden stellt einen idealen Lebensraum für Pflanzen dar, die Trockenheit vertragen, wie beispielsweise verschiedene Gräser, Mauerpfeffer- oder Fetthennen-Arten (Sedum spp.) sowie einige Moose. Etliche Flechten finden dort ebenfalls geeignete Bedingungen.

Durch die Sonneneinstrahlung erwärmen sich die dunklen Schotterflächen erheblich und bieten somit einen optimalen Lebensraum für wärmeliebende (thermophile) Insekten, darunter Käfer, Wildbienen und Heuschrecken. Zahlreiche Spinnen und andere Wirbellosen finden in den vielfältigen Strukturen sowohl Versteckmöglichkeiten als auch geeignete Reviere zur Jagd.

Mancherorts nutzen Mauereidechsen (Podarcis muralis) ehemalige Gleisanlagen als Lebensraum.

Ökologische Bedeutung

Die Beschaffenheit des Schotteruntergrundes und die langgestreckte Form der stillgelegten Gleisanlagen sind gewissermaßen ein künstlich geschaffener Ersatz für natürliche Lebensräume wie zum Beispiel Schotterfluren. Diese sind durch menschliche Eingriffe aus unserer Landschaft verschwunden.

Für viele Tier- und Pflanzenarten sind die ehemaligen Bahnanlagen heute wichtige Rückzugsgebiete und wertvolle Korridore, die nicht nur die Standorte der Industrienatur miteinander verbinden.

Gefährdung und Schutz

Ehemalige Bahntrassen sind durch Bebauung, Überbauung mit Infrastrukturprojekten oder Umwandlung in Grünflächen gefährdet. Der Schutz dieser linearen Strukturen und die Berücksichtigung ihrer ökologischen Bedeutung bei Planungsmaßnahmen sind wichtig, um die einzigartige Artenvielfalt dieser Sonderlebensräume zu erhalten und die Vernetzung in der Landschaft zu fördern. Maßnahmen, die unter anderem den Erhalt offener Schotterflächen und die Förderung der Entwicklung von Saumstrukturen zum Ziel haben, können diese besonderen Lebensräume der Industrienatur zusätzlich aufwerten.

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