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Rohbodenflächen auf Zollverein
Als die Zeche Zollverein in den 1920er- bzw. 1930er-Jahren ihre Kohleförderung auf Schacht XII konzentrierte, begann man, das nicht benötigte Bergematerial zunächst in der Nähe des markanten Fördergerüsts zwischenzulagern. Zwar wurde immer wieder Material entfernt, doch es kam viel Neues aus dem Boden nach. Deshalb ist die Halde zwischen Schacht XII und der Kokerei bis heute erhalten geblieben.
Große Teile dieser Halde sind inzwischen bewaldet, es gibt jedoch auch offene Abschnitte. Neben Bereichen mit niedriger Pioniervegetation finden sich dort größere Abschnitte mit kaum bis gar nicht bewachsenem Rohboden. Wo das Bergematerial stark komprimiert ist und kleine Senken bildet, entstehen nach ausreichenden Regenfällen temporäre Gewässer.
Bei Sonnenschein heizen sich die dunklen Rohbodenflächen stark auf, sodass das Bergematerial abseits der Senken kaum Wasser halten kann. Deshalb sind diese Haldenbereiche warm und trocken. Hinzu kommt, dass der Boden dort nur wenige Nährstoffe enthält. Einige typische Arten der Industrienatur sind an diese schwierigen Umgebungsbedingungen bestens angepasst. Daher sind die Rohbodenflächen keine schwarze Ödnis, sondern ein wichtiger Lebensraum für eine Reihe spezialisierter und teils seltener Arten.


2. Nördlicher Rohbodenbereich auf der Halde
Basierend auf einer Landkarte © OpenStreetMap-Beitragende
1. Südlicher Rohbodenbereich auf der Halde
Mit einer Fläche von etwa 1,55 Hektar ist dieser Rohbodenbereich recht groß. Er ist zwischen 40 und 60 Meter breit und knapp 200 Meter lang.
In einigen Bereichen, beispielsweise südlich der großen Skulptur „Castell” von Ulrich Rückriem, wächst niedrige Vegetation. Neben vielen weiteren Arten sind dort typische Pionierpflanzen der Industrienatur wie der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare) und das Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum) zu finden. Noch bevor sie blühen, hat im Frühjahr der kleine und oft übersehene Dreifinger-Steinbrech (Saxifraga tridactylites) Saison. Zahlreiche Insekten halten sich im Frühling und Sommer dort auf. Im Spätsommer baut die Wespenspinne (Argiope bruennichi) ihre Kokons gerne in der niedrigen Vegetation. Im Herbst schieben sich schließlich kleine Pilzfruchtkörper aus dem Bergematerial.

Nur wenige Meter von der großen Skulptur entfernt liegt eines der größeren temporären Gewässer der Halde – vorausgesetzt, es gab ausreichende Regenmengen. Es ist ein wichtiges Fortpflanzungsgewässer für die auf dem Zollverein-Gelände lebenden Kreuzkröten (Epidalea calamita).
Im mittleren und nördlichen Teil der Halde bilden sich ebenfalls oft vorübergehende kleine Gewässer oder zumindest feuchte Stellen. Weil sich im Boden dort bereits ein etwas höherer Nährstoffgehalt entwickeln konnte, wachsen dort Pflanzen wie die Sumpf-Segge (Carex acutiformis). Ihr Bestand ist für Insekten wie die Langflügelige Schwertschrecke (Conocephalus fuscus) attraktiv.

Besonders trocken ist der Boden dagegen in der kleinen Ausbuchtung, die rund 30 Meter weit in westlicher Richtung in den angrenzenden Industriewald ragt. Auffällig ist dort der große Flechtenbestand. Breitlappige Schildflechten der Gattung Peltigera und die Gegabelte Cladonie (Cladonia furcata) bedecken dort mehrere Quadratmeter Boden.
An Orten mit sehr spärlicher Vegetation, wie der Roten Schuppenmiere (Spergularia rubra), Zwerg-Filzkraut (Logfia minima) und dem Gewöhnlichen Reiherschnabel (Erodium cicutarium), halten sich im Sommerhalbjahr an trockenen Tagen die winzigen Wanzen der Art Nysius huttoni gerne auf. Im Sommer gesellen sich die Blauflügeligen Ödlandschrecken (Oedipoda caerulescens) zu ihnen auf das stark aufgeheizte, trockene Bergematerial.
Auf der großen Rohbodenfläche finden zahlreiche weitere Pflanzenarten ihr Auskommen. Dazu gehören das Echte Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea), das Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos) und die Riesen-Goldrute (Solidago gigantea). Allgegenwärtig ist außerdem das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens). Es ist eine der Wirtspflanzen des Kiefernnadel-Greiskraut-Rosts (Coleosporium senecionis), den man neben weiteren parasitierenden Pilzen auf der Halde antrifft.

Für Naturinteressierte lohnt es sich, den Rohboden aus der Nähe zu betrachten. Wer sich hinkniet und genau hinschaut, kann neben den zuvor erwähnten Pflanzen, Tieren und Pilzen viele weitere Organismen entdecken. So leben beispielsweise Ameisen im Bergematerial und Wildbienen graben ihre Nester in kleinen Hängen. An Stellen, an denen sich über längere Zeit ein wenig Feuchtigkeit halten kann, entstehen in manchen Jahren große Kolonien der Gallertbildenden Cyanobakterien (Nostoc commune). Und das ist nur ein kleiner Teil dessen, was sich auf der großen Rohbodenfläche beobachten lässt.









2. Nördlicher Rohbodenbereich auf der Halde
Mit einer Fläche von rund 0,35 Hektar ist der nördliche Rohbodenbereich deutlich kleiner als sein südlicher Nachbar. Er besteht aus zwei Abschnitten unterschiedlicher Größe, die durch einen circa 13 Meter breiten Korridor miteinander verbunden sind. Im nordöstlichen Teil liegt ein Gewässer, das ganzjährig Wasser führt, sofern es ausreichend Niederschläge gibt.
Das gesamte Areal ist von Industriewald umgeben, sodass es wie eine größere Lichtung wirkt. Dabei ist der Übergang zwischen offenem Bereich und Wald sehr abrupt. Da das Gelände nicht ganz eben ist, gibt es einige höher gelegene, sehr trockene Abschnitte und etwas feuchtere, flache Senken. Allerdings trocknen auch diese während heißer Sommer schnell aus.

Größtenteils gibt es nur sehr spärliche Vegetation. Auf dem sich vor allem im Sommer stark aufheizenden schwarzen Bergematerial können nur Pflanzen überleben, die an diese schwierigen Umgebungsbedingungen angepasst sind. Hierzu gehören zum Beispiel das leicht zu übersehende Zwerg-Filzkraut (Logfia minima) und kleinere Gräser. Vereinzelt finden sich auch Exemplare des Tüpfel-Johanniskrauts (Hypericum perforatum), des Schmalblättrigen Greiskrauts (Senecio inaequidens) und weiterer Pionierarten.
In der näheren Umgebung des Gewässers erstreckt sich eine Fläche mit Blut-Weiderich (Lythrum salicaria). Insbesondere zum nördlichen Waldrand hin finden zudem Hochstauden wie die Wilde Karde (Dipsacus fullonum) ihren Platz.

Während sie blühen, ziehen die Pflanzen viele Insekten an. Vögel aus dem umliegenden Industriewald nutzen sie als Nahrung. Für die Libellen, die in diesem Teil des Zollverein-Geländes am Gewässer leben, sind die vielen anderen Insekten ebenfalls eine verlässliche Nahrungsquelle. Zwischen den kleinen Steinen am Boden halten sich Wirbellose wie Spinnen, Milben, Springschwänze, kleine Käfer und Wanzen auf. An sehr heißen oder regnerischen Tagen sucht man sie allerdings meist vergebens.


