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Halde Zollverein 4/11
Auf den ersten Blick unscheinbar, besticht die Halde Zollverein 4/11 auch ganz ohne berühmte Landmarke oder Skulpturen durch ihre Natur. Im Haldenwald und in den offenen Bereichen bietet sie zahlreichen Arten passende Lebensräume.
Inhalt dieser Seite
Steckbrief
Standort: hauptsächlich Gelsenkirchen-Feldmark, ein sehr kleiner Teil der Halde liegt in Essen-Katernberg
Koordinaten: 51° 30′ 31.0608“ N, 7° 3′ 32.4072“ O
Schüttbeginn: 1940er-Jahre
Schüttende: 1987
Maximale Höhe relativ zur Umgebung: 45 m
Höchster Punkt absolut: 85 m ü. NN
Fläche: 37 Hektar
Haldentyp: Tafelberg
Material: Bergematerial
Begehbar: ja
Eigentümer: Regionalverband Ruhr (RVR)

Entstehung
Etwa zwei Kilometer nördlich des heutigen UNESCO-Welterbes Zollverein befand sich früher der Bereich Schacht 4/5/11 der Zeche Zollverein. Wie der Rest des großen Montanbetriebs war diese Schachtanlage in Essen angesiedelt.
Schacht 5 war ein Wetterschacht, der zur Belüftung diente. Die beiden anderen Schächte wurden zur Förderung von Steinkohle genutzt. Das dabei anfallende taube Gestein wurde in unmittelbarer Nähe des Zechengeländes aufgeschüttet, allerdings nicht in Essen, sondern auf Gelsenkirchener Stadtgebiet.

Innerhalb kurzer Zeit wuchs die nach ihrer Schachtanlage benannte Halde Zollverein 4/11 stark an. Sie ist bis heute die größte Halde der Zeche Zollverein. An der Stelle, an der sie sich befindet, lag früher unter anderem der bis 1940 genutzte Flugplatz Essen-Gelsenkirchen-Rotthausen. Beim Aufschütten der Tafelberghalde wurde das Material so aufgetragen, dass die Halde bis zum Rand des Geländes der 1912 in Betrieb genommenen Trabrennbahn verläuft. Im Norden bildet der leider immer noch kanalisierte Schwarzbach eine landschaftliche Grenze. Lediglich der äußerste Südwesten der heutigen Halde liegt auf Essener Stadtgebiet.
Bereits vor der Stilllegung der Zeche im Jahr 1987 wurden einige Bereiche der Halde bepflanzt. Nach dem Betriebsende wurde der von Menschenhand geschaffene Berg weiter begrünt, um ihn als Naherholungsgebiet und Rückzugsraum für die Natur zu gestalten. Inzwischen ist die Halde Zollverein 4/11 ein Landschaftsschutzgebiet. Sie präsentiert sich überwiegend bewaldet, verfügt aber auch über größere offene Bereiche mit einer Wiese und ein Areal mit Rohboden.
Ein Netz aus Schotterwegen ermöglicht es, die Industrienatur dieser Bergehalde zu erkunden. Sie ist eine der Stationen des 26,4 km langen ZollvereinSteigs, einem Wanderweg. Außerdem gibt es auf der Halde einen Reitweg.


Lebensräume und Artbeispiele

2. Wiese
3. Rohbodenbereich
Basierend auf einer Landkarte © OpenStreetMap-Beitragende
Halde (fast) ohne Gewässer
Im Unterschied zu vielen anderen Halden des Ruhrgebiets beherbergt die Halde Zollverein 4/11 keine permanenten Gewässer. Nur an sehr wenigen Stellen bilden sich bei ausreichenden Niederschlagsmengen kleine temporäre Gewässer. Obwohl es auf der Halde selbst keinen Lebensraum für die Fortpflanzung von Libellen und anderen Insekten gibt, die für die Entwicklung ihrer Larven Wasser benötigen, lassen sich diese Tiere dort gelegentlich beobachten. Sie fliegen von den Gartenteichen und dem in der Nähe verlaufenden Schwarzbach herbei. Dieses Verhalten ist für viele Libellenarten normal. Nach dem Schlüpfen verbringen sie einige Tage bis Wochen in Lebensräumen abseits von Gewässern, um dort heranzureifen und zu jagen. Erst wenn sie fortpflanzungsfähig sind, kehren sie zu den Gewässern zurück.


1. Wald
Der Wald auf der Halde Zollverein 4/11 besteht überwiegend aus folgenden Baumarten: Ahorne (Acer sp.), Hänge-Birke (Betula pendula), Gewöhnliche Robinie (Robinia pseudoacacia), Stiel-Eiche (Quercus robur), Schwarz-Erle (Alnus glutinosa), Berg-Ulme (Ulmus glabra), Eberesche (Sorbus aucuparia), Pappeln (Populus sp.), Gewöhnliche Hasel (Corylus avellana), Linden (Tilia sp.) und Vogel-Kirsche (Prunus avium) sowie weiteren Kirsch-Arten der Gattung Prunus.
Mit geübtem Blick ist es deutlich zu erkennen, dass dieser Wald nicht spontan entstanden ist, sondern vom Menschen aufgeforstet wurde.

Im Schatten der Bäume und höheren Sträucher wachsen Arten wie der Gewöhnliche Wurmfarn (Dryopteris filix-mas), die Knotige Braunwurz (Scrophularia nodosa), die Echte Nelkenwurz (Geum urbanum) und das Große Hexenkraut (Circaea lutetiana). Zudem ist der Boden auf der dem Sonnenlicht abgewandten Seite der Halde dicht mit Moosen bewachsen. Aus der Klasse der echten Farne ist außerdem der Adlerfarn (Pteridium aquilinum) vertreten, der vor allem am Waldrand und an Wegrändern wächst.
Vögel wie der Buntspecht (Dendrocopos major), der Kleiber (Sitta europaea) und der Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla) bewohnen den bewaldeten Bereich ebenso wie zahlreiche Insektenarten und andere wirbellose Tiere. Dazu gehören beispielsweise das Waldbrettspiel (Pararge aegeria), die Robinien-Faltenminiermotte (Phyllonorycter robiniella), die Prächtige Faulholzmotte (Alabonia geoffrella), der Blaue Erlenblattkäfer (Agelastica alni), der Dunkle Braunwurzschaber (Cionus tuberculosus), die Vierfleckzartspinne (Anyphaena accentuata), die Sommerlindenhörnchen-Gallmilbe (Eriophyes tiliae) und die Gestreifte Moosassel (Philoscia muscorum).
Da es im Wald Totholz gibt, sind dort holzzersetzende Pilzarten zu finden. Darüber hinaus gibt es parasitär lebende Pilze an den Pflanzen. Vertreten sind die Pilze unter anderem durch den Zunderschwamm (Fomes fomentarius), den Birkenporling (Fomitopsis betulina), die Hexenbutter (Exidia nigricans), den Spaltblättling (Schizophyllum commune) und die Schmetterlings-Tramete (Trametes versicolor).
Aus der Gruppe der Flechten sind im Haldenwald Arten wie die Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina), die Gewöhnliche Leuchterflechte (Candelaria concolor) und die Sulcatflechte (Parmelia sulcata) anzutreffen.

Mehr Informationen zu Industriewäldern im Allgemeinen gibt es hier.









2. Wiese
Im westlichen Teil der Halde erstreckt sich eine rund 2,5 Hektar große Wiesenfläche, die von Wegen umschlossen und durchschnitten wird. Dort wachsen Gräser wie Wiesen-Knäuelgras (Dactylis glomerata), Wolliges Honiggras (Holcus lanatus) und Deutsches Weidelgras (Lolium perenne) ebenso wie Hochstauden und krautige Pflanzen. Hierzu zählen beispielsweise Jakobs-Greiskraut (Senecio jacobaea), Rauhaarige Wicke (Vicia hirsuta), Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea), Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium) und Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium). Letzterer wächst ganz im Süden der Wiesenfläche und lockt mit seinem reichen Nektarangebot eine Vielzahl von Insekten an.

Zu den auf der Wiese lebenden Tierarten gehören der Kleine Feuerfalter (Lycaena phlaeas), das Kleine Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus), das Große Ochsenauge (Maniola jurtina), viele verschiedene Marienkäferarten, der Blaugrüne Schenkelkäfer (Oedemera nobilis), der Ockerbraune Weichkäfer (Rhagonycha fulva), der Gemeine Grashüpfer (Pseudochorthippus parallelus), die Roesels Beißschrecke (Roeseliana roeselii) und die Gemeine Wiesenwanze (Lygus pratensis) sowie zahlreiche Zweiflügler- und Hautflüglerarten. Zudem leben viele Spinnen auf der Wiese, darunter die Listspinne (Pisaura mirabilis) und die farblich sehr beeindruckende Wespenspinne (Argiope bruennichi).

Eine ganze Reihe von Vogelarten fliegt auf die Wiesen, um dort nach Nahrung zu suchen. Viele ernähren sich von Insekten. Zwischen Anfang Mai und Anfang August fliegen Mauersegler (Apus apus) an manchen Tagen recht tief, um Fluginsekten zu fangen. Auch Mehlschwalben (Delichon urbicum) und Rauchschwalben (Hirundo rustica) sind im Sommerhalbjahr häufig über den Wiesen zu sehen. Oft kreisen zudem größere Schwärme von Brieftauben über der Halde. Die Vögel stammen in der Regel aus den Volieren der in der Nähe gelegenen Taubenklinik.












3. Rohbodenbereich
Mit einer Größe von nur etwa 0,3 Hektar ist die Rohbodenfläche im zentralen Haldenbereich vergleichsweise klein. Dennoch stellt sie einen wichtigen Lebensraum für einige auf trockene, warme Standorte spezialisierte Arten dar.
Am Boden finden sich Breitlappige Schildflechten (Peltigera spp.) und die Gegabelte Cladonie (Cladonia furcata). Auf der Fläche wachsen einige krautige Pflanzenarten, Stauden und Sträucher, darunter die Hundsrose (Rosa canina). Durch regelmäßige Pflegemaßnahmen wird verhindert, dass der Rohbodenbereich verbuscht.

Zu den besonderen Insekten der Industrienatur-Standorte, die sich dort beobachten lassen, gehören die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) und das Weinhähnchen (Oecanthus pellucens).
Mehr Informationen zu Rohbodenflächen und Pionierstandorten gibt es hier.









Besonderheiten
An den wenigen Stellen, an denen das Bergematerial freiliegt, können mit etwas Glück Fossilien gefunden werden. Diese Bereiche sind jedoch größtenteils im Wald versteckt und nur über Trampelpfade zugänglich. Wie für die Bergehalden des Ruhrgebiets typisch, handelt es sich bei den Fossilien, die im Boden der Halde Zollverein 4/11 liegen, um versteinerte Pflanzen aus dem Oberkarbon.

Meine Naturbeobachtungen
Aufgrund der Tatsache, dass die Halde Zollverein 4/11 begrünt wurde und größtenteils von kultiviertem Wald bedeckt ist, beherbergt sie nur wenige spezialisierte Industrienatur-Arten. Trotzdem ist sie artenreich, auf ihr lassen sich viele Generalisten beobachten. Meine Beobachtungsdaten dokumentiere ich auf dem Meldeportal von NABU|naturgucker, sie sind im Gebiet Halde Zollverein 4/11 zu finden. Die folgende Statistik fasst die Sichtungen zusammen.
Anzahl der Taxa1 pro Artengruppe
Moose: 14
Gefäßpflanzen: 201
Amphibien: 0
Reptilien: 0
Säugetiere: 2
Vögel: 46
Insekten: 330
Sonstige Tiere: 61
Pilze, Flechten und Schleimpilze: 53
Bakterien: 0
Gesamt: 707
Exkursionen: 27
Beobachtungsdatensätze: 2852
Bezugszeitpunkt: 21.05.2020 bis 07.08.2025
1 Was sind Taxa? Das können Sie hier nachlesen.

Infos für den Besuch
Ein verzweigtes Netz aus Schotterwegen und Trampelpfaden erstreckt sich über die Halde. Diese Routen laden zu Spaziergängen, Joggingrunden oder kleinen Entdeckungstouren ein. Anders als bei manchen umliegenden Halden gibt es auf der Halde Zollverein 4/11 weder Kunstinstallationen noch markante Landmarken – vielmehr steht der Naturraum selbst im Mittelpunkt. In puncto Aussicht hat diese Halde deutlich weniger zu bieten als andere Bergematerial-Deponien. Nur an wenigen Stellen kann man den Blick in die Ferne schweifen lassen.
An der Schalker Straße, auf Höhe der Fatih-Moschee in Essen, gibt es einen kleinen Parkplatz. Weitere Parkmöglichkeiten befinden sich an der Trabrennbahn. Wer mit Bus und Bahn anreist, kann die Haltestelle „Triple Z” in Essen ansteuern (Straßenbahnlinie 107, Bus 173). Von der Haltestelle Katernberger Straße in Gelsenkirchen (Bus 382) ist es ebenfalls nicht weit bis zur Halde. Für die Anreise mit dem Fahrrad empfiehlt sich der Nordsternweg.

In der Nähe (Radius 5 km)
Alle in Kilometern angegebenen Distanzen sind Luftlinien.
Essen
Rund 2,6 km entfernt liegt das weitläufige Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein.
Die Halde Eickwinkel ist 2,15 km entfernt. Ihre größere Nachbarin, die Schurenbachhalde, befindet sich in einer Distanz von rund 2,7 km.
Etwa 4,2 km liegt die kaum bekannte Halde Mathias Stinnes entfernt.
Gelsenkirchen
Bis zum Nordsternpark mit seinen Bergehalden sind es 2,5 km.
Die für ihre Skulptur Himmelstreppe berühmte Halde Rheinelbe ist 4,43 km entfernt.
Gladbeck
Mit der Halde 19 liegt eine Erhebung der „Braucker Alpen“ recht nah an der Halde Zollverein 4/11 (Entfernung 4,8 km).
Link
⇒ Halde Zollverein IV / V / XI auf Ruhrgebiet-Industriekultur.de