Zollverein-Kanarienvögel an der Bullmannaue, 02.11.2023

Zollverein-Kanarienvögel

Sie sind keine echten Vertreter der Industrienatur, doch die übergroßen Kanarienvögel sind trotzdem sehenswert. Die ursprünglich aus acht einzelnen Skulpturen bestehende Installation wurde von Axel Hummert und Silke Tinnefeld konzipiert und von Ulrich Wiedemann in Handarbeit gefertigt. Im März 2010 wurde sie aufgestellt.

Diese riesigen Vögel aus Hartkunststoff sind etwa 2 m hoch und 3,6 m lang. Mit ihrer kräftigen Färbung bilden die rund 100 kg schweren Skulpturen einen starken Kontrast zur rostroten und grauen Industriearchitektur. Sie zollen dem Kanarienvogel Tribut, der über Jahrzehnte hinweg vielleicht der wichtigste – und auf jeden Fall der kleinste – Kollege der Bergleute war. Heute stehen die künstlichen Kanarienvögel symbolisch für die Gefahren, die ständige Wachsamkeit und die Opfer, die mit der Arbeit unter Tage verbunden waren.

Wer sich heute vom S-Bahnhof Zollverein Nord aus dem Zollverein-Gelände entlang des 300 Meter langen Fußwegs nähert, dem fallen die Kanarienvögel am Meybuschhof und an der Bullmannaue als unübersehbare Wegweiser auf. Diese Designobjekte wirken auf den ersten Blick verspielt, haben jedoch einen ernsten Hintergrund. Sie sind eine künstlerische Hommage an die Geschichte des Bergbaus und erinnern an eine für die Menschen lebenswichtige Tradition: Zum Schutz der Bergleute wurden damals lebende Kanarienvögel mit unter Tage genommen.

Im Bergbau ist die essenzielle Bedeutung des Kanarienvogels untrennbar mit der Gefahr durch „schlagende Wetter” (explosive Gase) und „böses Wetter” (giftige Gasgemische) verbunden. Für die Bergleute stellte das geruch- und farblose Gas Kohlenmonoxid (CO) eine enorme Gefahr dar. Es entsteht beispielsweise bei Gruben- und Schwelbränden. Kohlenmonoxid bindet sich viel schneller an das Hämoglobin im Blut als Sauerstoff. Das kann rasch zu Bewusstlosigkeit und zum Tod führen. Auch das in den Flözen freigesetzte Methangas (CH₄) war gefährlich, denn es explodiert leicht in hoher Konzentration.

Hier kamen Kanarienvögel zum Einsatz: Aufgrund ihres schnelleren Stoffwechsels und ihrer höheren Atemfrequenz reagierten die kleinen Vögel deutlich empfindlicher auf Kohlenmonoxid als Menschen. Deshalb wurden sie damals in kleinen Käfigen mit unter Tage genommen. Wenn die Tiere unruhig wurden, torkelten oder sogar von der Stange fielen, war dies ein untrügerisches Zeichen für die Bergleute, dass die Kohlenmonoxid-Konzentration lebensgefährlich wurde und sie die Zeche sofort verlassen mussten. Somit fungierten die Kanarienvögel als lebende Frühwarnsysteme und retteten in einer Zeit, in der es noch keine zuverlässige elektronische Messtechnik gab, unzählige Leben.

Für die Kanarienvögel waren die Bedingungen sicherlich alles andere als angenehm. Normalerweise mussten sie jedoch nicht ihr Leben lassen. Man war früher darauf bedacht, die „gefiederten Kumpel” am Leben zu erhalten. Ihre Käfige waren so konstruiert, dass sie im Ernstfall innerhalb weniger Sekunden vollständig abgeriegelt und mit Sauerstoff aus einer kleinen, mitgeführten Gasflasche befüllt werden konnten. Dadurch erholten sich die durch die Gase geschwächten Vögel schnell wieder.

So ist die heutige Kunstinstallation ein farbenfrohes und unübersehbares Symbol für die historische Sicherheitstechnik des Bergbaus, die ständige Präsenz der Gefahr und den Mut der Bergleute, die sich täglich in die Dunkelheit hinabließen. Nicht zuletzt erinnert sie aber auch an die kleinen gefiederten Lebensretter, die unfreiwillig sehr viel erdulden mussten.

Leider werden die Skulpturen immer wieder Opfer von Vandalismus. Deshalb stehen nicht mehr alle entlang des Weges und die Designobjekte müssen häufig repariert werden, siehe Nachrichtenbeitrag.

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