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Gleisharfen auf Zollverein
Früher benötigten die Zeche und die Kokerei Zollverein ein umfangreiches Gleisnetz, um täglich große Mengen an Rohkohle, Koks und anderen Materialien zu bewegen. Da das Transportgut sehr schwer war, erfolgte der Transport hauptsächlich per Güterbahn. Im Ruhrgebiet gab es dafür ein dichtes Streckennetz, das Zechen und andere Industriebetriebe miteinander verband und sie an die nationalen Transportadern anschloss.
Östlich des Bahnhofs Essen-Kray Nord begann die etwa fünf Kilometer lange Zollvereinbahn, die bis zur gleichnamigen Zeche und Kokerei führte. Auf dem Zechengelände verzweigten sich die Gleise und bildeten einen großen Gleisharfen-Bereich, der zum Sortieren und Verteilen der Rohstoffe dienten. Auf diesen Gleisfeldern konnten viele Waggons gleichzeitig bereitgestellt, neu zusammengestellt oder zu den verschiedenen Anlagenabschnitten weitergeleitet werden. Ohne diese breit gefächerten Gleisanlagen hätte der Betrieb mit seinen hohen Fördermengen nicht reibungslos funktioniert.

Der Begriff „Gleisharfe” bezeichnet eine parallel verlaufende Gleisgruppe, die aus einem einzigen Stammgleis hervorgeht, das sich verzweigt. Betrachtet man diese nebeneinander liegenden Gleise aus großer Höhe, erinnern sie an die Saiten einer Harfe.
Einige Abschnitte der beiden nebeneinander liegenden Gleisharfen sind noch sichtbar, andere wurden zurückgebaut oder gezielt in die Gestaltung des Zollverein-Geländes integriert. Teile der ehemaligen Gleisfelder werden inzwischen als Wege, Grünareale oder Veranstaltungsflächen genutzt und dienen der Führung der Menschen, die das UNESCO-Welterbe besuchen. Für Naturinteressierte sind die nördliche und südliche Gleisharfe lohnende Anlaufpunkte, um die Industrienatur zu erkunden.



2. Südliche Gleisharfe
Basierend auf einer Landkarte © OpenStreetMap-Beitragende
1. Nördliche Gleisharfe
Die nördliche Gleisharfe – eigentlich sind es zwei nebeneinander liegende Gleisfelder – besteht aus zehn weitgehend parallel verlaufenden ehemaligen Gleisen im westlichen Abschnitt sowie fünf im östlichen Bereich. Von Nordwesten kommend fächern sich dort die Stammgleise in mehrere Einzelgleise auf.
In unmittelbarer Nähe des Wagenumlaufs, einem Teil der Zeche Zollverein, verlaufen heute noch elf ehemalige Gleise parallel zueinander. Sie wurden mitsamt der dazwischenliegenden Flächen versiegelt. Dadurch entstand eine Ebene, die gewissermaßen als Vorplatz des Industriedenkmals dient. Diese Versiegelung endet abrupt, sodass ab dort nur noch die ehemaligen Gleise versiegelt sind. Sie dienen heute als Geh- und Radwege. Zwischen ihnen hat die Industrienatur Fuß gefasst.

An der Fritz-Schupp-Allee, die durch diesen Bereich verläuft, enden vier weitere Gleise. Sie wurden nicht verändert und bestehen somit noch immer aus Schienen, stark verfallenen Holzschwellen und Gleisschotter. Naturinteressierte sollten dort genauer hinschauen. Immer wieder breiten sich Brombeeren (Rubus sp.) aus, die jedoch nach einiger Zeit zurückgeschnitten werden. Dadurch haben kleinere Pflanzen wie Nachtkerzen (Oenothera sp.), Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum) und verschiedene Laubmoose (Bryopsida) eine Chance. Zwischen dem Gleisschotter finden Wirbellose wie Spinnentiere und am Boden lebende Insekten gute Versteckmöglichkeiten. Verschiedene Pilzarten zersetzen das pflanzliche Material, das sich in den Gleisbetten ablagert.

Sehr artenreich ist auch das nördlich anschließende Teilstück der Gleisharfe. In den Zwischenräumen der ehemaligen Gleise wachsen neben vielen Hänge-Birken (Betula pendula), einigen Gewöhnlichen Robinien (Robinia pseudoacacia) und Schmetterlingsfliedern (Buddleja davidii) zudem viele krautige Pflanzen und Hochstauden. Hierzu gehören beispielsweise die Riesen-Goldrute (Solidago gigantea), die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) und die Gewöhnliche Wegwarte (Cichorium intybus). Die nördliche Gleisharfe ist für viele Insekten und Vögel ein wichtiger Lebensraum. Außerdem finden sich dort hauptsächlich im Herbst die Fruchtkörper zahlreicher Pilze.









2. Südliche Gleisharfe
Südlich der Zeche Zollverein befindet sich ein weiterer Abschnitt mit parallel verlaufenden Gleisen. Dieser Teil setzt sich ebenfalls aus zwei Gleisfeldern zusammen, die heute durch ein kleines Gehölz voneinander getrennt sind. An der breitesten Stelle der südlichen Gleisharfe sind noch 14 ehemalige Gleise erkennbar, die nach Süden hin zusammenlaufen.
Nur eines dieser Gleise ist in seinem ursprünglichen Zustand erhalten geblieben. Es liegt direkt an der Fritz-Schupp-Allee. Bei allen anderen Gleisen wurden die Bereiche zwischen den Schienen in Wege umgewandelt, sodass keine Schwellen und kein Gleisschotter mehr vorhanden sind.

Zwischen diesen „Schienenwegen” finden sich vor allem im Sommerhalbjahr viele teils recht hohe Pflanzen, darunter Gewöhnlicher Wasserdost (Eupatorium cannabinum) und verschiedene Königskerzenarten (Verbascum sp.). Dazwischen stehen Riesengoldruten (Solidago gigantea), Acker-Kratzdisteln (Cirsium arvense) und Wilde Möhren (Daucus carota). Auch sehr niedrige Pflanzen wie die Ackerröte (Sherardia arvensis) kommen dort vor. Darüber hinaus gibt es Brombeeren, darunter die Schlitzblättrige Brombeere (Rubus laciniatus), sowie einige Bäume. Es sind hauptsächlich Hänge-Birken (Betula pendula), die sich dort angesiedelt haben. Des Weiteren stehen auf der südlichen Gleisharfe einige Erlen (Alnus sp.), Pappeln (Populus sp.) und Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii).

Vor allem die Pappeln, der Schmetterlingsflieder und die Hochstauden werden im späten Herbst oder im Winter stark zurückgeschnitten, um die natürliche Verbuschung zu verhindern und die Gleisharfe als offenen Lebensraum zu erhalten. Der Bestand des Gewöhnlichen Schilfs (Phragmites australis) östlich des kleinen Gehölzes wird ebenfalls regelmäßig geschnitten. Dadurch wirkt die südliche Gleisharfe während des Winters karg. Doch im nächsten Frühling kehrt das Grün zurück – und mit ihm zahlreiche Tiere. Dazu gehören vor allem kleine Spinnen und Asseln sowie Insekten und Schnecken. Für Naturinteressierte bieten sich in diesem Bereich des Zollverein-Geländes deshalb vielfältige Beobachtungsmöglichkeiten.









