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Temporärgewässer
Auf einigen Industriebrachen und Halden im Ruhrgebiet bilden sich durch Niederschläge stehende Kleingewässer, die oft nur für kurze Zeit bestehen. Sie werden deshalb als temporäre oder periodische Gewässer bezeichnet und stellen ökologisch sehr wertvolle Kleinlebensräume dar, die einigen besonderen Arten als Lebensraum dienen. Diese scheinbar unbedeutenden Pfützen und Senken sind beeindruckende Beispiele für die ökologische Dynamik dieser einzigartigen Landschaften, die durch die frühere Industrie geprägt wurden.
Inhalt dieser Seite
Entstehung und Standorte
- Regenwasser kann sich in verdichteten Bodenbereichen oder natürlichen Senken unebener Flächen ansammeln, zum Beispiel auf Haldenböden.
- Kleine Gräben, die sich auf den Halden oft entlang von Wegen befinden und von denen viele zur Entwässerung angelegt wurden, füllen sich ebenfalls bei Regen mit Wasser.
- Auf Industriebrachen mit Gebäuderesten sammelt sich Regenwasser in noch vorhandene Beton- und Klärbecken, Gruben oder Fundamentresten.
- Durch Bergsenkungen können flache Mulden entstehen, die sich bei Niederschlägen zeitweise in Kleingewässer verwandeln. Solche Bergsenkungen treten in vielen Fällen allerdings nicht auf ehemaligen Werksgeländen auf.




Genügend Regen vorausgesetzt, lassen sich Temporärgewässer zum Beispiel an folgenden Industrienatur-Standorten des Ruhrgebiets beobachten:
⇒ Halde Haniel in Bottrop
⇒ Halde Lothringen in Bochum
⇒ Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen
⇒ Halde Rungenberg in Gelsenkirchen
⇒ Mottbruchhalde in Gladbeck
⇒ Schurenbachhalde in Essen
⇒ UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen

Typische Merkmale
Das wohl charakteristischste Merkmal ist der wechselnde Wasserstand. Nach ergiebigen Regenfällen sind die Temporärgewässer oft gut gefüllt, während sie in niederschlagsarmen Zeiten völlig austrocknen können. Vor allem in heißen, trockenen Sommern führen sie wenig oder gar kein Wasser.
Viele periodische Gewässer an den Industrienatur-Standorten des Ruhrgebiets sind flach. Selbst wenn sie ihren höchsten Wasserstand erreicht haben, sind beispielsweise viele temporäre Kleingewässer auf Halden nicht tiefer als 10 cm.
Da etliche dieser Gewässer in offenen Bereichen liegen, sind sie der Sonne ausgesetzt und erwärmen sich schnell. An heißen Sommertagen kann die Wassertemperatur auf über 25 °C ansteigen.
Ihre Wasserqualität ist stark standortabhängig. Sie wird unter anderem durch den Nährstoffeintrag aus dem Boden und den pH-Wert des Wassers beeinflusst.


Arten an und in Temporärgewässern
Aufgrund der wechselnden Wasserstände und der teilweise hohen Wassertemperaturen im Sommer können sich nur wenige Pflanzenarten an und in den Temporärgewässern erfolgreich ansiedeln. Es handelt sich überwiegend um spezialisierte Wasser- und Feuchtbodenpflanzen, denen die wechselnden Bedingungen nichts ausmachen oder die sogar von ihnen profitieren. Zudem spielen Algen eine wichtige Rolle im Nährstoffkreislauf.
Zahlreiche Wasserinsekten haben sich an das Leben in periodischen Gewässern angepasst. Dazu gehören die Larven von Wasserkäfern, Stechmücken und anderen Insektengruppen. Einige Arten haben kurze Entwicklungszyklen, um auch nicht allzu lang andauernde Perioden mit ausreichend Wasser für ihre Fortpflanzung nutzen zu können.
Temporäre Gewässer können eine hohe Dichte an Kleinkrebsen wie Wasserflöhen und Ruderfußkrebsen aufweisen, die eine wichtige Nahrungsgrundlage für andere Lebewesen darstellen. Muschelkrebse (Ostracoda) kommen in vielen Temporärgewässern der Industrienaturstandorte im Ruhrgebiet ebenfalls vor.
In Temporärgewässern, die nicht zu schnell austrocknen, leben häufig Wasserschnecken. An den Industrienatur-Standorten des Ruhrgebiets sind vor allem die Gemeine Schlammschnecke (Ampullaceana balthica) und die Spitzschlammschnecke (Lymnaea stagnalis) vertreten.
Für Pionieramphibien, insbesondere die Kreuzkröte (Epidalea calamita), sind periodische Gewässer im Ruhrgebiet von herausragender Bedeutung. Diese Art bevorzugt zur Fortpflanzung flache, sich schnell erwärmende Gewässer mit spärlicher Vegetation. Ihre Larven entwickeln sich schnell, was eine Anpassung an die drohende Austrocknung der Kleingewässer darstellt. Darüber hinaus können weitere Amphibien wie Frösche und Molche diese Gewässer als Lebensraum nutzen.






Ökologische Bedeutung
Obwohl sie nur für eine begrenzte Zeit, manchmal nur wenige Tage oder Wochen, Wasser führen, sind temporäre Gewässer Hotspots der Artenvielfalt in der Industrienatur.
Sie bieten spezialisierten Organismen, die in permanenten Gewässern häufig nicht überleben könnten, geeignete Lebensbedingungen. So leben in „gesunden“ permanenten Gewässern zumeist Fische und größere Insektenlarven, die Amphibienlarven und andere Kleinlebewesen stark dezimieren können. Das periodische Trockenfallen der Temporärgewässer schließt viele dieser Jäger aus.
Die unterschiedlichen Austrocknungszyklen und Wasserqualitäten schaffen eine Vielzahl ökologischer Nischen, die von verschiedenen Spezialisten besetzt werden können.
Temporäre Gewässer können darüber hinaus wichtige Trittsteinbiotope in der Landschaft darstellen und die Vernetzung von Populationen ermöglichen.

Gefährdung und Schutz
Temporärgewässer auf Industriebrachen und Halden sind gegebenenfalls durch Faktoren wie Bebauung, Verfüllung, Entwässerung und die natürliche Sukzession (Verbuschung und Zuwachsen) gefährdet. Die Sicherung und der Erhalt dieser ökologisch wertvollen Kleinlebensräume sind von entscheidender Bedeutung für die Bewahrung der bemerkenswerten Artenvielfalt dieser industriell geprägten Natur. Schutzmaßnahmen umfassen die Bewahrung existierender und die Anlage neuer temporärer Gewässer im Zuge von Renaturierungen sowie ihre Berücksichtigung bei Planungs- und Bauprozessen.
Diese Maßnahmen können viele Arten, die in und an Temporärgewässern leben, jedoch nicht vor zunehmend häufigeren langen Dürreperioden bewahren. Insbesondere, wenn diese mit hohen Temperaturen einhergehen, trocknen die Temporärgewässer zu schnell und zu lange vollständig aus. Spezies, die in Resten feuchten Schlamms überleben können, haben kaum eine Chance, wenn der Boden vollständig austrocknet, weil es zu heiß ist oder der Regen über längere Zeit ausbleibt. So ist beispielsweise im sehr trockenen Frühling 2025 ein Großteil der Temporärgewässer auf Industriebrachen und Halden über lange Zeit ausgetrocknet, weshalb fast alle Kaulquappen der Kreuzkröten gestorben sind.

