Detail der Kokerei Zollverein, 26.04.2020

Gebäude, Mauern und Rohre auf Zollverein

Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein sind bis heute viele Gebäude und andere vom Menschen geschaffene Strukturen erhalten geblieben. Was für uns ein beeindruckendes und abwechslungsreiches Industriedenkmal ist, stellt für viele Tiere, Pflanzen und Pilze ein Mosaik aus Lebensräumen dar. So beherbergen Mauern beispielsweise Moose, Flechten und viele Wirbellose. An schattigen, feuchten Stellen wachsen Farne, die sich beispielsweise in den Schächten der Kokerei befinden. Selbst an den Metallpfeilern, die Brückenkonstruktionen und Rohre stützen, finden mehrere Tierarten und Flechten ihr Auskommen.

Die meisten Bauwerke konzentrieren sich im Zollverein-Park an drei Stellen: an der Kokerei, rund um Schacht XII und bei Schacht 1/2/8, siehe Beschreibungen weiter unten. Doch auch auf der Halde und in der Nähe von Parkplatz C gibt es alte Gebäude und Mauern. Sie alle haben etwas zu bieten, weshalb es sich für Naturinteressierte immer lohnt, genauer hinzuschauen.

1. Kokerei Zollverein

Die Kokerei Zollverein ist ein weitläufiger Industriekomplex, dessen Gebäude den gesamten Prozess von der Steinkohle bis zum fertigen Koks abbilden. Im Gegensatz zu einzelnen Fabrikhallen anderer Industriestätten handelt es sich um ein eng verzahntes System aus technischen Anlagen, Funktionsbauten und Infrastruktur, das streng nach dem Produktionsablauf organisiert war.

Im Zentrum der Anlage steht die 600 m lange Koksofenbatterie mit 304 schmalen Koksöfen. In diesen wurde die Kohle unter Luftabschluss erhitzt. Südlich und quasi „zu Füßen“ der Koksöfen erstreckt sich das ebenfalls über einen halben Kilometer lange Wasserbecken im ehemaligen Druckmaschinengleis.

Ein weiteres markantes Bauwerk auf der Nordseite der Kokerei ist die Sieberei, von der aus zwei Schrägbandbrücken zu benachbarten Gebäuden verlaufen. Weithin sichtbar sind die sechs hohen Schornsteine der Koksofenbatterie, von denen der höchste 98 Meter emporragt. Neben dem Kammgebäude erhebt sich ein siebter, etwas kleinerer Schornstein.

Zu den weiteren Bauwerken der Kokerei gehören das HD-Lager, das Salzlager, der Ventilatorenkühler, der Kaminkühler und der Gasometer. Letzter liegt ein wenig versteckt und beherbergt in seinem Inneren heute unter anderem Nutzpflanzenbeete.

Mit ihren hohen Gebäuden und zahlreichen Nischen bietet die Kokerei den idealen Lebensraum für verschiedene Vogelarten, die ihre Jungen gerne in luftiger Höhe in Höhlen und Spalten aufziehen.

Zu den bedeutendsten Brutvögeln von Zollverein gehört der Wanderfalke (Falco peregrinus). Noch vor einigen Jahrzehnten wäre diese Vogelart in Nordrhein-Westfalen beinahe ausgestorben. Glücklicherweise hat sich der Bestand erholt. Dennoch sind diese Vögel auf Unterstützung angewiesen. Auf dem Zollverein-Gelände werden sie mit Nisthilfen unterstützt, die sie gern annehmen.

Im Sommer halten sich die noch nicht selbstständigen Jungvögel gerne im oberen Bereich der beiden großen Kaminkühler auf und rufen lautstark nach ihren Eltern. Nicht, dass die tatsächlich eine Erinnerung bräuchten, aber die jungen Wanderfalken gehen offenbar lieber auf Nummer sicher.

Etwas kleiner, aber nicht minder elegant in ihrem Flug sind die ebenfalls an der Kokerei brütenden Turmfalken (Falco tinnunculus). Im Sommer kann man manchmal die Jungvögel bei ihren ersten Jagdversuchen beobachten. Diese finden jedoch oft nicht in der Luft, sondern am Boden statt. Dort laufen die jungen Turmfalken umher und stürzen sich mehr oder weniger geschickt auf bodenbewohnende Insekten wie Käfer und Heuschrecken. Das machen übrigens auch die Altvögel öfters mal.

Weitere Vögel, die sich regelmäßig an der Kokerei antreffen lassen, sind Hohltaube (Columba oenas), Bachstelze (Motacilla alba) und Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros). Letzterer ist in den meisten Jahren mit mehreren Brutpaaren auf dem Kokereigelände vertreten.

Die Metallträger, die die vielen großen Rohre tragen und stützen, sind bei mehreren Spinnenarten beliebt. Von der Gewöhnlichen Spaltenkreuzspinne (Nuctenea umbratica) bis zur Gewächshaus-Mondspinne (Parasteatoda tepidariorum) lassen sich dort zahlreiche Achtbeiner beobachten. Im Sommer nutzen Schnecken, darunter Bänderschnecken (Cepaea sp.), Kartäuserschnecken (Monacha cartusiana) und Gefleckte Weinbergschnecken (Cornu aspersum), die Metallkonstruktionen gern als Ruheplätze.

Mit etwas Glück können an feuchten, schattigen Mauern der Kokerei-Gebäude die in Gruppen ruhenden Riesen-Weberknechte (Leiobunum sp. A) angetroffen werden. Es lohnt sich beispielsweise, dunkle Nischen am Kammgebäude nach ihnen abzusuchen.

Zurück zur Landkarte ↑

Elster (Pica pica) sucht nach Nahrung und erbeutet einen Nachtfalter, UNESCO-Welterbe Zollverein, 14.06.2025
Ringeltaube (Columba palumbus) ruht in luftiger Höhe, UNESCO-Welterbe Zollverein, 08.07.2023
Ein Turmfalke (Falco tinnunculus) jagt am Boden, UNESCO-Welterbe Zollverein, 08.07.2023
Rufender Wanderfalke (Falco peregrinus), UNESCO-Welterbe Zollverein, 17.07.2022

2. Schachtanlage XII

Im Umfeld des Schachts XII mit seinem markanten Fördergerüst befinden sich zahlreiche große Stahlfachwerkgebäude mit rotbraunem Ziegelmauerwerk, darunter die Kohlenwäsche, in der heute das Ruhr Museum untergebracht ist. Zu diesen großen Bauwerken gehören auch die Wipper- und Lesebandhalle sowie das frühere Kesselhaus, das unter anderem das Red Dot Design Museum beherbergt. Da diese schlicht und sachlich gestalteten Gebäude im Gegensatz zur Kokerei kaum Nischen aufweisen, bieten sie vergleichsweise wenige Arten Lebensraum und Versteckmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass sich in diesem Teil des Zollverein-Geländes, vor allem auf dem Gleisboulevard, die meisten Besucher konzentrieren. Insbesondere scheue Arten, die den Menschen fürchten, sind dort deshalb nicht zu erwarten.

Trotzdem lassen sich dort beispielsweise Hausrotschwänze (Phoenicurus ochruros), Ringeltauben (Columba palumbus) und Straßentauben (Columba livia domestica) beobachten. An den Wänden der Gebäude und an den Mauern wachsen Farne, Moose und Flechten. Sind die Mauern feucht, werden sie für Schnecken attraktiv, darunter auch Nacktschnecken wie die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris). Spinnen und Weberknechte fühlen sich in diesem von Menschen geschaffenen, vertikalen Lebensraum ebenfalls wohl.

Zurück zur Landkarte ↑

3. Schachtanlage 1/2/8

Heute steht die Schachtanlage 1/2/8 ein wenig im Schatten ihrer berühmteren Nachbarin, Schacht XII. Dabei ist sie die ältere der beiden: Sie ist die Gründerschachtanlage der Zeche Zollverein. Einige Jahrzehnte nach ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1851 entstanden die heute dort vorhandenen Ziegelmassivbauten zwischen 1900 und 1910, einige weitere Gebäude wurden nach 1932 errichtet. Ihr Baustil entspricht dem des Gebäudekomplexes der Schachtanlage XII.

Bei genauer Betrachtung ist dieser Unterschied leicht erkennbar. Für die Industrienatur spielt er jedoch kaum eine Rolle. Aus der Perspektive von Flechten, Moosen und überwiegend kleinen Tieren ist jede Ziegelmauer gleich.

Zur Schachtanlage 1/2/8 gehören unter anderem das Fördergerüst auf Schacht 1, der klotzige Förderturm auf Schacht 2, das Maschinenhaus, in dem der Künstler Thomas Rother sein Atelier hat, sowie die Kaue, in der sich heute das Choreographische Zentrum NRW, PACT Zollverein, befindet.

Große Teile der Fläche zwischen den Gebäuden sind versiegelt. Am Rande eines Parkplatzes steht einer der großen Zollverein-Kanarienvögel. Vor der Kaue gibt es zwei kleine bewachsene Bereiche und an das Maschinenhaus grenzt ein etwas größerer, eingezäunter Grünbereich. Aufgrund der Pflanzen in unmittelbarer Nähe dürfte die nach Südosten ausgerichtete Seite dieses Gebäudes für viele kleine Tiere ein guter Lebensraum sein.

Es sind vor allem Flechten, Moose, Farne und krautige Pflanzen, die an und auf den Mauern sowie an den Gebäudefassaden wachsen. Besonders beeindruckend ist der mehrere Quadratmeter große Bereich der südwestlichen Seite des Maschinenhauses, der von der Dreispitzigen Jungfernrebe (Parthenocissus tricuspidata) bewachsen ist. Zwischen den Blättern gibt es für Insekten, Spinnen und andere Wirbellose gute Versteckmöglichkeiten.

An der nach Süden weisenden Seite der Waschkaue ruhen im Frühling und Sommer oft Wildbienen und andere Hautflügler, um in der Sonne zu ruhen. An den Fassaden der Gebäude der Schachtanlage 1/2/8 leben außerdem verschiedene Spinnentiere.

Zurück zur Landkarte ↑

Logo Industrienatur im Ruhrgebiet klein
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet ausschließlich technisch notwendige Basis-Cookies, um Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung zu bieten. Es kommen darüber hinaus keine weiteren Cookies oder Dienste zum Einsatz. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen, wenn Sie auf diese Website zurückkehren. So können wir nachvollziehen, welche Abschnitte der Website für Sie am interessantesten und nützlichsten sind. Mehr Informationen zum Datenschutz finden Sie in der Datenschutzerklärung.