Riesen-Weberknecht (Leiobunum sp. A), UNESCO-Welterbe Zollverein, 31.08.2022

Riesen-Weberknecht (Leiobunum sp. A)

Langbeinig, gesellig und geheimnisumwoben: Der Riesen-Weberknecht ist erst seit wenigen Jahren in Mitteleuropa bekannt. Er scheint mit Handelswaren auf unseren Kontinent gelangt zu sein, doch niemand weiß, woher er ursprünglich stammt. An vielen Standorten der Industrienatur lassen sich diese Spinnentiere beobachten, oft in so großen Ansammlungen, dass man sich unweigerlich fragt: Wie schaffen die das, sich ihre Beine nicht zu verknoten?

Inhalt dieser Seite

Systematik

⇒ Klasse: Spinnentiere (Arachnida)
⇒ Ordnung: Weberknechte (Opiliones)
⇒ Familie: Echte Weberknechte (Phalangiidae)

Infos über die Art

⇒ Körperlänge (ohne Beine): Weibchen sind 5,4–6,4 mm lang, Männchen 4–4,9 mm
⇒ Dunkelbraun bis schwarz, einige Individuen zeigen einen leicht grünlichen Schimmer
⇒ Weibchen haben einige helle Flecken auf dem Körper
⇒ Manche Männchen zeigen an den Seiten des Körpers bräunliche Flecken
⇒ Beine sehr lang, das Laufbein II ist 80–90 mm lang
⇒ Färbung der Beine dunkelbraun bis schwarz; einige Männchen haben helle Beingelenke
⇒ Erwachsene Individuen von Juni bis Dezember
⇒ Rote Liste NRW: die Art wird derzeit nicht auf der Roten Liste geführt
⇒ Artporträt bei NABU|naturgucker (Bilder/Videos und Beobachtungsdaten)

Wissenswertes

In Europa wurde die Art erstmals im Jahr 2004 im niederländischen Nijmegen beobachtet. Dort hielten sich die Tiere auf einem Industriegelände auf. Obwohl an mehreren Stellen auf der Welt nach dem ursprünglichen Vorkommen dieser vermutlich mit Handelswaren nach Europa gelangten Spinnentiere gesucht wurde, konnte die Art bisher nirgendwo aufgespürt werden. Weil ihr Ursprungsort nicht bekannt ist, hat die Art bisher nur einen provisorischen wissenschaftlichen Namen, was sich am Zusatz „sp. A“ ablesen lässt. Eine weitere Bezeichnung dieser Spezies lautet Namenloser Rückenkanker.

Von den Niederlanden aus haben sich diese Tiere schnell weiter ausgebreitet. 2006 erfolgte der Erstnachweis in Deutschland, damals wurde die Art in Witten entdeckt. Inzwischen haben diese langbeinigen Weberknechte Deutschland durchquert und sind auch in Österreich und der Schweiz angekommen. Im Ruhrgebiet kommt der Riesen-Weberknecht an vielen Stellen vor, wo er seinen bevorzugten Lebensraum findet.

Tagsüber ruhen diese Weberknechte dicht gedrängt in Gruppen an schattigen, oft etwas feuchten Stellen. Direktes Sonnenlicht mögen sie nicht. Solche Ansammlungen von Weberknechten werden als Aggregationen bezeichnet.

Wenn sich die Tiere bedroht fühlen, wippen sie auf ihren langen Beinen, um potenzielle Angreifer zu verwirren. Dieses Verhalten wirkt auf manche Menschen bedrohlich, doch die langbeinigen Spinnentiere können uns nicht gefährlich werden. Sie stechen oder beißen keine Menschen. Hält die Störung an, rennen die Weberknechte weg, wobei sie oft weiterhin ihren Körper wippen lassen.

Nachts gehen die Riesen-Weberknechte einzeln auf die Jagd. Sie ernähren sich von anderen wirbellosen Tieren, zum Beispiel von kleinen Insekten, Asseln und Schnecken. Doch nicht immer jagen sie selbst. Wenn sie beim Umherstreifen auf tote Wirbellose stoßen, nutzen sie diese als Nahrung. Manchmal begehen sie auch Mundraub: Entdecken sie in den Netzen von Spinnen frische Beute, bedienen sie sich daran, sofern die Spinne sie nicht vertreibt.

Spätestens in der Morgendämmerung wandern die Riesen-Weberknechte zu ihrem Tagesruheplatz zurück, wo sie sich mit ihren Artgenossen zusammenschließen.

Lebensraum

Bisherigen Beobachtungen zufolge kommen Riesen-Weberknechte in Mitteleuropa ausschließlich an Gebäuden vor. Sie bewohnen beispielsweise Fabrikgebäude, Bauwerke auf Industriebrachen, steinerne Unterführungen und Ruinen. Dies lässt vermuten, dass sie in ihrer ursprünglichen Heimat möglicherweise in felsigen Gebieten leben.

Sie versammeln sich gerne auf Mauern, unter kleinen Vorsprüngen wie Dächern oder Fensterbänken, in Ecken von Gebäuden (normalerweise draußen!), unter Torbögen sowie in Unterführungen. Nur sehr selten verirren sich einzelne Individuen in Gebäude.

Verwechslungsarten

Der Braunrückenkanker (Leiobunum rotundum), eine in Mitteleuropa vorkommende Art, sieht dem Riesen-Weberknecht sehr ähnlich. Im Wiki der Arachnologischen Gesellschaft e. V. wird darauf hingewiesen, dass eine sichere Unterscheidung der beiden Arten zumeist nur durch eine Genitaluntersuchung unter dem Mikroskop möglich ist. Braunrückenkanker haben jedoch etwas kürzere Beine (Laufbein II des Männchens ca. 60 mm lang).

Diese Weberknechte sind ebenfalls nachtaktiv und bilden tagsüber Gruppen. Gelegentlich ruhen die erwachsenen Tiere an Gebäuden, oft aber auch an Bäumen. Dort findet man Riesen-Weberknechte hingegen normalerweise nicht.

Videos

Ruheplatz einer kleinen Gruppe von Riesen-Weberknechten (Leiobunum sp. A), UNESCO-Welterbe Zollverein, 02.09.2023
Typisches Zittern und Laufen der Riesen-Weberknechte (Leiobunum sp. A) nach einer Störung, Ruine Neue Isenburg in Essen, 26.07.2023
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